Am Montag, dem 12. Oktober 2026, hat um 9.30 Uhr in Saal 3 des Landgerichts Arnsberg die Hauptverhandlung um das „Soester Horrorhaus“ begonnen. Angeklagt sind Dennis J. (29), ein ausgebildeter Krankenpfleger, dem die Rolle des Haupttäters zugeschrieben wird, Kevin S. (25) und zwei Brüder im Alter von 17 und 16 Jahren.
Der Vorwurf: Die 33 Jahre alte wohnungslose Frau soll ab Juli 2025 immer wieder in das Reihenhaus gekommen sein – angelockt mit der Aussicht auf Essen und einen Schlafplatz. Dort soll sie gefesselt, vergewaltigt und gedemütigt worden sein. Was in der Anklage steht, ist in neun Minuten verlesener Grausamkeiten zusammengefasst.
Aufgeflogen war der Fall am 3. November 2025. Ein Nachbar entdeckte die halbnackte, mit Handschellen an einen Terrassenbalken gefesselte Frau und alarmierte die Polizei. Sie überlebte die lebensbedrohliche Unterkühlung nur knapp und musste monatelang intensivmedizinisch behandelt werden.
Der Fall Soester Horrorhaus: die Chronologie
- Juli 2025Die vorgeworfenen Taten beginnen
Die 33 Jahre alte wohnungslose Frau kommt laut Anklage immer wieder mit der Aussicht auf Essen und einen Schlafplatz in das Reihenhaus in Soest.
- 3. November 2025Ein Nachbar alarmiert die Polizei
Er findet die halbnackte, mit Handschellen an einen Terrassenbalken gefesselte Frau; sie überlebt die lebensbedrohliche Unterkühlung nur knapp.
- 30. Juli 2026Der Fall wird öffentlich
Als „Soester Horrorhaus“ sorgt er bundesweit für Entsetzen.
- 25. September 2026Die frühere Lebensgefährtin wird festgenommen
Sie kommt wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft und gilt nun als „gesondert Beschuldigte“.
- 12. Oktober 2026Prozessauftakt in Arnsberg
In Saal 3 beginnt um 9.30 Uhr die Hauptverhandlung; am Nachmittag demonstrieren rund 300 Menschen in Soest.
- 2. November 2026Zweiter Verhandlungstag
Geplant ist zunächst die Anhörung eines medizinisch-psychologischen Sachverständigen.
- 17. Dezember 2026Letzter angesetzter Termin
Insgesamt 14 Verhandlungstage sind für den Prozess vor der Jugendkammer angesetzt.
Neue Speicherkarte, neue Verdächtige
Zum Auftakt wurde bekannt, dass der Polizei erst vor wenigen Wochen eine Speicherkarte mit zahlreichen Videoaufnahmen zugespielt worden ist. Sie begründete einen dringenden Tatverdacht gegen die damalige Lebensgefährtin des Hauptangeklagten. Die Frau sitzt seit dem 25. September 2026 in Untersuchungshaft und wird nun als „gesondert Beschuldigte“ geführt.
Staatsanwältin Annika Berg schilderte vor Gericht, wie die neuen Beweismittel zur Festnahme führten:
„Im vergangenen Monat sind weitere Beweismittel zugespielt worden, insbesondere auf Form von Speichermedien. Diese Beweismittel sind dann unverzüglich ausgewertet worden und haben einen dringenden Tatverdacht gegen die zum Tatzeitpunkt Lebensgefährtin des Hauptangeklagten begründet. Diese ist dann in Haft genommen worden und befindet sich seit dem 25.09. wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft.“
Das neue Material soll weitere, bislang unbekannte Beschuldigte zeigen. Statt einer Nachtragsanklage kündigte die Staatsanwaltschaft eigene, getrennte Verfahren an. Aus taktischen Gründen nannte sie keine Zahl – die Ausweitung des Verfahrens auf weitere Verdächtige bleibt damit offen.
Angeklagte schieben sich gegenseitig die Schuld zu
Dennis J. bestreitet die Vorwürfe. Er und Kevin S. sitzen in Untersuchungshaft und haben sich inzwischen zerstritten. Kevin S. will sich zu den Vorwürfen äußern – nach der von den Richtern verlesenen Einlassung seines Verteidigers will er von J. zur Vergewaltigung gezwungen worden sein.
Ein weiterer Anklagevorwurf reicht bis Anfang 2025 zurück: Dennis J. soll damals in seinem Soester Haus „ohne erkennbaren Grund“ mit Gummigeschossen auf zwei andere Frauen geschossen haben.
Gericht lehnt Ausschluss der Öffentlichkeit ab
Die Verteidiger der beiden Jugendlichen beantragten einmütig, die Öffentlichkeit grundsätzlich auszuschließen. Der Vorsitzende Richter Marc Gährken lehnte das ab. Ein zeitweiser Ausschluss bei intimen Details und zum Schutz der Jugendlichen bleibt aber möglich.
Genau das beschreibt die Sprecherin des Landgerichts: „Es kann aber sein, dass zeitweise die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird – wenn es um intime Details geht oder um den Jugendschutz“, sagte Claudia Mors-Böckenbrink.
Rund 300 Menschen demonstrieren in Soest
Am Nachmittag des Prozessauftakts demonstrierten rund 300 Menschen in Soest. Sie zogen unter dem Motto des Kampfes gegen Gewalt an Frauen vom Bahnhof zum Marktplatz, um ihre Solidarität mit dem Opfer zu zeigen.
Die Grünen-Politikerin Sarah Gonschorek aus dem Kreis Soest ordnete den Fall über den Gerichtssaal hinaus ein.
„Der Fall macht auf erschreckende Weise sichtbar, was passieren kann, wenn Frauen nicht ausreichend geschützt werden.“
Gewalt gegen Frauen sei kein „Frauenthema“, sondern betreffe die gesamte Gesellschaft, sagte Gonschorek. Die Demonstration sollte der Frau zeigen, dass sie nicht allein ist.
14 Verhandlungstage bis Mitte Dezember
Für den Prozess vor der Großen Strafkammer als Jugendkammer sind 14 Verhandlungstage bis zum 17. Dezember 2026 angesetzt. Der nächste Termin ist der 2. November 2026: Dann soll zunächst ein medizinisch-psychologischer Sachverständiger gehört werden, zuvor ist ein Rechtsgespräch über erwartbare Geständnisse und Strafrahmen geplant.
Offen ist, wie viele getrennte Verfahren die Staatsanwaltschaft noch anstößt und ob Kevin S. seine angekündigte Aussage tatsächlich macht. Am 2. November wird sich zeigen, ob der Fall über die vier Angeklagten hinaus wächst.
