Fünf Millionen Euro sagt die EU-Kommission dem europäischen Netzwerk der Faktenprüfer zu. Genau dieses Netzwerk vergibt die Zertifikate an Redaktionen wie CORRECTIV – und nach Darstellung des Publizisten Ralf M. Ruthardt haben die Geprüften bei den Regeln mitgeschrieben.
Am 15. Oktober 2026 veröffentlichte die Junge Freiheit Ruthardts Analyse zur Zertifizierung der Faktenprüfer. Der Text erschien zeitgleich in voller Länge auf anonymousnews.org, Aufmacherbild ist das Logo von CORRECTIV.
Ein Kodex, den die Geprüften mitgestalteten
Der Europäische Kodex für unabhängige Faktencheck-Organisationen entstand 2022 unter Beteiligung von mehr als 45 Organisationen aus über 30 Ländern – also auch der später geprüften Redaktionen. Das EFCSN wurde zunächst von der EU finanziert. Ruthardt sieht darin eine Selbstprüfung: Wer die Maßstäbe mitformuliert, wird an eigenen Regeln gemessen.
Konkret nennt er David Schraven, den Herausgeber von CORRECTIV: Er saß im elfköpfigen Leitungsgremium des Netzwerks, CORRECTIV-Mitarbeiter Florian Löffler war zeitweise sein Stellvertreter. 2023 wurde CORRECTIV.Faktencheck zertifiziert, 2025 nach Ruthardts Darstellung erneut.
Wie das Netzwerk und seine Prüflinge zusammenkamen
- 2022Der Standards-Kodex entsteht
Mehr als 45 Organisationen aus über 30 Ländern erarbeiten den Europäischen Kodex für unabhängige Faktencheck-Organisationen; das EFCSN wird zunächst von der EU-Kommission finanziert.
- November 2022Schraven kommt ins Leitungsgremium
Der CORRECTIV-Herausgeber wird Mitglied des elfköpfigen EFCSN-Leitungsgremiums.
- März 2023Stellvertreter aus dem eigenen Haus
Florian Löffler von CORRECTIV wird Stellvertreter Schravens im Leitungsgremium.
- 13. September 2023CORRECTIV.Faktencheck wird zertifiziert
Das Portal wird als zertifiziertes Mitglied des EFCSN aufgenommen, Schraven wird als Vorstandsmitglied des Netzwerks zitiert.
- Oktober 2024Schraven scheidet aus
Nach zwei Jahren endet seine Mitgliedschaft im Leitungsgremium.
- 31. März 2026Fünf Millionen Euro für FACTEUR
Die EU-Kommission unterzeichnet eine Fördervereinbarung für das vom EFCSN geführte Projekt.
- 15. Oktober 2026Die Junge Freiheit veröffentlicht die Analyse
Ruthardts Text erscheint und stellt die Zertifizierung von CORRECTIV infrage.
Fünf Millionen Euro und ein Förderfenster
Am 31. März 2026 unterzeichnete die EU-Kommission eine Fördervereinbarung über fünf Millionen Euro für unabhängige Faktenchecks im Rahmen des European Democracy Shield. Das Geld geht an das vom EFCSN geführte Projekt FACTEUR.
Zwischen dem 29. Juli und dem 20. September 2026 lief zusätzlich ein Antragsfenster für FACTEUR-Database-Grants: 860.000 Euro Gesamtvolumen, bis zu 70.000 Euro pro Organisation. Für Ruthardt entscheidet damit eine EU-finanzierte Stelle mit, welche Redaktionen als vertrauenswürdig gelten.
„Denn Faktenprüfer bleiben Journalisten. Keine Wahrheitsbehörde.“
Windkraft als Beispiel für die Auswahl
Sein Hauptargument ist nicht die einzelne falsche Bewertung, sondern die Auswahl. Framing beginne nicht mit einer Lüge, sondern mit der Wahl der „richtigen“ Fakten. Beispiel Windkraft: Im Mai 2026 waren rund 79 Gigawatt installiert, die durchschnittliche Erzeugung lag aber bei 9,4 Gigawatt – knapp zwölf Prozent Auslastung.
Im windreichen Januar kamen rund 22 Gigawatt zusammen, etwa 28 Prozent. Wer nur die installierte Leistung nennt, zeichnet ein anderes Bild als jemand, der die tatsächliche Erzeugung danebenstellt. Dieser Mechanismus lässt sich mit keiner Faktenprüfung einfangen, weil die Prüfung selbst auswählt, was sie prüft.
Wettbewerb statt Wahrheitsaufsicht
Zu Wort kommen vier Gesprächspartner: die Journalistin Mary Abdelaziz-Ditzow, der Journalist und YouTuber Flavio von Witzleben, die frühere „Tagespost“-Chefredakteurin Franziska Harter und Frank Beckmann aus der NDR-Programmdirektion. Abdelaziz-Ditzow hält Neutralität im Journalismus für eine Fiktion und setzt auf Binnenpluralismus.
„Denn einen „neutralen“ Journalismus kann es nicht geben.“
Von Witzleben hält einer zentralen Instanz entgegen, dass Wahrheit nicht durch Vorsortierung entsteht. Harter pocht auf die Trennung von Information und Meinung, Beckmann auf die Fehlerkultur des NDR: Man nehme jede Wahrnehmung über die Berichterstattung ernst. Wer künftig kontrolliert, welche Themen geprüft werden, bleibt offen.
