Christina Applegate (54) hat keine Multiple Sklerose – und die Nachricht ist für sie kein Grund zur Freude. Fünf Jahre lang hatte sie ihr Leben nach der Diagnose ausgerichtet, ihre Karriere beendet, ihren Alltag umgebaut.
Am 20. Oktober 2026 kehrte sie nach rund sieben Monaten Pause in ihren Podcast „MeSsy“ zurück, den sie seit März 2024 mit der Schauspielerin Jamie-Lynn Sigler moderiert – einer Frau, die seit etwa 25 Jahren selbst an MS erkrankt ist. In der zweiteiligen Folge berichtete Applegate unter Tränen, dass ihre 2021 gestellte Diagnose falsch war, wie der Spiegel über die Fehldiagnose berichtet.
„Sie kam in mein Zimmer und sagte: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben keine MS. Herzlichen Glückwunsch.““
Von Erleichterung war in dem Gespräch nichts zu hören. Applegate beschrieb ihren Zustand als Schock und als „mind fuck“. Eine Fehldiagnose mache sie nicht plötzlich gesund, sagte sie: „Ich bin nicht besser geworden, Jamie. Wenn überhaupt, ist es in manchen Bereichen schlimmer geworden.“ CBS News über Applegates Reaktion auf die Fehldiagnose zitiert sie mit dem Satz, sie sei „überhaupt nicht glücklich“.
Ein Leben, das die Krankheit umgebaut hat
Die Fehldiagnose trifft sie mitten in einem Alltag, den die Krankheit umgebaut hat. „Ich habe alles verloren. Ich habe meinen Job verloren“, sagte sie. „Es hat mein Leben angehalten.“ Sie habe eine schwere Depression durchlebt.
Für Arztbesuche braucht sie weiterhin einen Rollstuhl: „Ich kann nicht vom Auto bis in den Raum laufen.“ Sie berichtet von Schmerzen beim Aufstehen, Taubheitsgefühlen, Kribbeln, Gleichgewichtsstörungen, Erschöpfung und Sehproblemen – dreimal pro Woche macht sie Physiotherapie.
Für die Netflix-Serie „Dead to Me“, ihre letzte große Rolle, saß sie 2022 im Rollstuhl, das Drehbuch wurde angepasst. Im Januar 2024 trat sie bei den Emmys mit Gehstock auf und erhielt stehende Ovationen; sie sagte, sie lebe „irgendwie in der Hölle“. Im März 2026 erschienen ihre Memoiren „You with the Sad Eyes“, in denen sie schreibt: „Mein Leben ist in manchen Bereichen auf die Größe meines kalifornischen Kingsize-Bettes geschrumpft.“
Kurz darauf pausierte sie den Podcast, Mitte April 2026 folgte ein Krankenhausaufenthalt; nach eigener Darstellung verbrachte sie in diesem Jahr mehrere Monate im Krankenhaus. Im September 2026 zeigte sie sich erstmals wieder öffentlich – Christina Applegates Rückkehr nach Monaten in der Klinik.
Wie die Fehldiagnose aufflog
Die Korrektur kam nicht durch einen neuen Verdacht, sondern durch eine Behandlungspause. Vor einigen Jahren wollte ihre Ärztin die jahrelange Infusionstherapie absetzen und beobachten, wie sich ihre B-Zellen verhalten. Die Zellzahl veränderte sich weder nach oben noch nach unten – der Ausgangspunkt einer Überprüfung der gesamten Diagnose.
2021 war Applegate nach eigenen Angaben auf „alles unter der Sonne“ getestet worden, nur nicht auf MS. MRTs von Gehirn und Wirbelsäule sowie eine Lumbalpunktion führten zur Diagnose einer schubförmig verlaufenden MS, damals „auf der niedrigen Skala“. Die Ärztin zeigte ihr fast 40 Läsionen im Gehirn: „Das war es. Das war meine Antwort auf alles, was vor sich ging.“
Die folgenden Jahre Infusionstherapie hätten „Verwüstungen“ in ihrem Körper angerichtet, sagte sie. Erst neue Technik bei Gehirn-MRTs führte zu der Korrektur, die ihr die Ärztin nun mitteilte.
Von der Diagnose zur Korrektur
- 2021Taubheitsgefühl und die erste Diagnose
Ein Taubheitsgefühl in den Zehen breitet sich auf die Beine aus. MRTs von Gehirn und Wirbelsäule sowie eine Lumbalpunktion führen zur Diagnose einer schubförmigen MS – damals „auf der niedrigen Skala“, mit fast 40 Läsionen im Gehirn.
- August 2021Applegate macht die Diagnose öffentlich
Mit 49 Jahren nennt sie die Erkrankung eine „seltsame Reise“ und bedankt sich bei anderen Betroffenen für die Unterstützung.
- 2022Letzte große Rolle im Rollstuhl
Am Set von „Dead to Me“ sitzt sie im Rollstuhl, das Drehbuch wird angepasst. Der „New York Times“ sagt sie, sie könne ohne Gehstock nicht laufen.
- Januar 2024Stehende Ovationen bei den Emmys
Sie tritt mit Gehstock auf und sagt, sie lebe „irgendwie in der Hölle“.
- März 2024Start des Podcasts „MeSsy“
Gemeinsam mit Jamie-Lynn Sigler, die seit etwa 25 Jahren an MS erkrankt ist.
- März und April 2026Memoiren, Pause, Klinik
„You with the Sad Eyes“ erscheint, Applegate pausiert den Podcast. Mitte April folgt ein Krankenhausaufenthalt; in diesem Jahr verbringt sie nach eigener Darstellung mehrere Monate im Krankenhaus.
- 20. Oktober 2026Die Fehldiagnose wird öffentlich
Die zweiteilige Folge von „MeSsy“ erscheint. Applegate verkündet die Fehldiagnose, Sigler und die Neurologin Marwa Kaisey ordnen sie ein.
Der Verlust der Erklärung
Mit der Diagnose verliert Applegate vor allem die Begründung für ihr Leiden. Was sie dazu sagte, ist der Kern ihres Dilemmas:
„Ich hatte einen verdammten Grund dafür, dass mein Tag jeden Tag beschissen war. Und jetzt habe ich keinen Grund mehr, und das ist sehr verunsichernd und sehr verwirrend für mich.“
Ihren Zustand fasste sie mit den Worten zusammen, es sei „dasselbe Spiel unter einem anderen Namen“. Nun fehlt der Grund – und damit die Grundlage für jede Behandlung. Statt einer Entlassung aus der Krankheit steht sie vor einer offenen Baustelle.
Fast jeder fünfte Befund ist falsch
In der zweiten Hälfte der Doppelfolge sprachen die beiden mit Dr. Marwa Kaisey, außerordentliche Professorin für Neurologie am Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles. Fehldiagnosen seien bei MS „ziemlich häufig“, sagte Kaisey, weil es keinen eindeutigen Test gebe: „Wir haben keinen einzigen Test für MS. Es ist nicht wie ein Schwangerschaftstest.“
„Fast jeder fünfte dieser Menschen, denen man gesagt hatte, sie hätten MS – manche seit Jahrzehnten –, hatte sie in Wirklichkeit nicht.“
Die Mehrheit dieser Menschen habe Medikamente gegen MS eingenommen, sagte Kaisey. Viele MS-Symptome seien „auch bei anderen Dingen sehr verbreitet“. Dass eine MS-Diagnose auch ganz anders verlaufen kann, zeigt Christina Dimitrious Rückkehr ins TV trotz MS.
Wie es weitergeht
Der Irrtum hat eine zweite Baustelle: die MS-Community, für die Applegate und Sigler zu Symbolfiguren wurden. „Es ist seltsam, weil ich das Gefühl habe, ich habe alle im Stich gelassen“, sagte sie. „Wir wurden, du und ich, die Aushängeschilder für MS.“ Sigler widersprach ihr – sie habe niemanden in die Irre geführt, ihre Reaktion sei „sehr menschlich und real“.
Trocken merkte Sigler an: „Gut, dass du dir nicht ›MS‹ auf den Körper tätowieren lassen hast.“ Applegate will nun klären lassen, was ihr tatsächlich fehlt. „Warum ist das passiert? Ich hatte jedes Symptom von jemandem mit MS. Jedes einzelne.“ Ihre Ärzte würden „eine Untersuchung starten, um herauszufinden, was seit 2021 passiert ist“.
In der kommenden Woche beginnt der Prozess, in dem sie nach eigener Darstellung „die eigene Anwältin“ ihrer Gesundheit werden und die passenden Spezialisten finden muss. Den Podcast will sie trotz allem fortsetzen; künftig sollen Fachleute zu Gast sein. „Jetzt haben wir neues Material“, scherzte sie.
Ihre eigene Frage zum Schluss: „Wie viele Spezialisten werde ich finden müssen für etwas, von dem ich nicht einmal weiß, wonach ich suche?“
