Türkische Staatsanwälte sollen gegen Geld echte Verfahren starten
Nach einer Recherche der ZEIT sollen bestochene türkische Staatsanwälte gegen Bezahlung echte Ermittlungsverfahren erzeugen, die in Deutschland als Verfolgungsbeleg gelten – 800 Euro pro Anklage. Das Bamf kannte bislang nur gefälschte Uyap-Seiten; die Schutzquote türkischer Antragsteller fällt auf zwölf Prozent.
800 Euro für ein echtes Ermittlungsverfahren samt Hausdurchsuchung und Anklage – ein Anbieter in der Türkei verkauft genau jene Papiere, die in Deutschland als Verfolgungsbeleg für Asyl reichen sollen. Aufgedeckt hat den Handel die ZEIT-Recherche zu gekauften Ermittlungsverfahren vom 19. Oktober 2026. Vertrieben wird das Angebot offen über TikTok und Telegram, Komplettpakete inklusive Schleusung starten bei 6.000 Euro.
Nach den Recherchen der ZEIT machen das bestochene türkische Staatsanwälte möglich: Sie leiten gegen Bezahlung echte Ermittlungsverfahren ein, die im staatlichen Justizportal Uyap registriert werden – für deutsche Sachbearbeiter auf den ersten Blick echte Justizdokumente. Fatina Keilani zieht daraus in ihrem WELT-Kommentar zum Asylmissbrauch vom 20. Oktober 2026 einen harten Schluss: Migranten versuchten alles, um einen Aufenthaltsstatus in der EU zu bekommen, „zu oft haben sie damit Erfolg“.
Was das Bamf bislang nicht kannte
Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war bislang ein anderes Muster bekannt: gefälschte Uyap-Webseiten, auf denen sich Antragsteller ihre Dokumente selbst zusammenklickten. Echte, gegen Geld erzeugte Justizeinträge waren neu. Abteilungsleiter Patrick Schmidtke spricht mit Blick auf die vorgelegten türkischen Unterlagen von „zahlreichen Ungereimtheiten“.
„Damit bekommst du überall eine Aufenthaltserlaubnis.“
Patrick Schmidtke, Abteilungsleiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Die Zahlen haben sich im selben Zeitraum deutlich verschoben. Seit 2021 gingen rund 140.000 türkische Asylanträge in Deutschland ein. Im Jahr 2020 lag die Schutzquote für türkische Bewerber noch bei 43 Prozent, inzwischen sind es nur noch etwa zwölf Prozent.
Düsseldorf wertet Anklage als Scheinanklage
Vor Gericht ist das Muster schon aufgefallen. Im Oktober 2025 wies das Verwaltungsgericht Düsseldorf die Klage eines türkischen Asylbewerbers ab, weil die vorgelegte Anklageschrift eine vom Antragsteller selbst bestellte „Scheinanklage“ war. Die Richter erkannten darin keine Verfolgung, sondern ein bestelltes Dokument.
Der Frankfurter Gutachter Kamil Taylan warnt vor dem Kollateralschaden: Durch manipulierte Verfahren könne ehrlichen Antragstellern das Vertrauen der Behörden und Gerichte verloren gehen. Wer wirklich verfolgt wird und eine echte Anklage vorlegt, rechnet dann mit derselben Skepsis wie ein Käufer.
Von der Schutzquote zum Handel mit Justizakten
2020
Schutzquote liegt bei 43 Prozent
Für türkische Asylbewerber liegt die Anerkennungsquote in Deutschland bei 43 Prozent.
2021
Beginn des Anstiegs
In den Folgejahren beantragen rund 140.000 türkische Staatsangehörige Asyl in Deutschland.
Oktober 2025
Scheinanklage in Düsseldorf
Das Verwaltungsgericht wertet eine vorgelegte Anklageschrift als selbst bestellte Scheinanklage und weist die Klage ab.
19. Oktober 2026
ZEIT deckt den Handel auf
Die Wochenzeitung beschreibt, wie türkische Staatsanwälte gegen Bezahlung echte Verfahren in Uyap erzeugen.
20. Oktober 2026
Kommentar und Bamf-Reaktion
Fatina Keilani kommentiert den Asylmissbrauch in der WELT, Schmidtke verweist auf zahlreiche Ungereimtheiten.
21. Oktober 2026
BILD greift die Recherche auf
Die Zeitung fasst den Uyap-Handel und die gesunkene Schutzquote zusammen.
Die Behörden stehen vor einer Prüfungsfrage
Damit wächst der Druck auf die Prüfer. Bisher reichte es, gefälschte Uyap-Adressen zu erkennen – seit die Verfahren echt sind, müssen Sachbearbeiter und Richter unterscheiden, ob ein Ermittlungsverfahren gegen den Antragsteller lief oder gegen Geld für ihn erzeugt wurde. Beide Varianten stehen im selben amtlichen Register.
Unklar ist, wie viele der seit 2021 gestellten rund 140.000 türkischen Anträge mit gekauften Papieren arbeiten; dazu gibt es bislang keine Angaben. Wie schnell solche Zahlen ein Eigenleben bekommen, zeigt ein verzerrtes Salvini-Zitat zu Armut in Italien, das in einem Facebook-Post die Runde macht.
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Der nächste Schritt liegt beim Bamf: Die Behörde muss erklären, wie sie künftig gekaufte von echten türkischen Verfahren unterscheidet und ob sie vorgelegte Justizunterlagen systematisch gegenprüfen lässt. Fatina Keilani hat ihren Kommentar „Unsere Naivität ist eine Einladung an die Skrupellosen“ überschrieben. Ob die Behörden diese Einladung annehmen, entscheidet sich an den nächsten türkischen Anträgen.