Wer zwanzig Jahre lang Thriller über Mörder und Menschenhändler schreibt, arbeitet irgendwann dort, wo er wohnt. Sebastian Fitzek beschreibt diesen Zustand jetzt selbst – mit einem Wort, das in Autorenporträts selten vorkommt: verwahrlost. Es fällt in einem Gespräch, in dem es eigentlich um sein Jubiläum gehen soll.
Anlass ist das Werkstattgespräch mit Sebastian Fitzek bei stern.de, das am 20. Oktober 2026 um 19:35 Uhr in der Rubrik stern Crime erschien. Autorin ist Julia Meyer-Hermann, die Fotos stammen von Urban Zintel. Fitzek spricht darin über 20 Jahre als Autor und über „Der Nachtzug“, seinen neuen Thriller, der am 21. Oktober bei Droemer herauskommt: 352 Seiten, 26 Euro, limitierte Auflage.
Wenn das Bett zum Schreibtisch wird
Im Gespräch schildert Fitzek, wie Wohnen und Arbeiten bei ihm verschmelzen. Der Weg vom Bett zum Schreibtisch ist kurz, die Distanz zum Stoff fehlt. Die Überschrift der Online-Fassung zitiert ihn mit dem Satz, er fühle sich verwahrlost, wenn er aus dem Bett direkt an den Schreibtisch gehe – vielleicht noch im Pyjama.
„Ich fühle mich komplett verwahrlost, wenn ich morgens aus dem Bett direkt an den Schreibtisch gehe, vielleicht noch im Pyjama“
Dabei ist dieser Schreibtisch der Ort, an dem sein Erfolg entsteht. 2006 erschien mit „Die Therapie“ sein erster Thriller. 2025 war „Der Nachbar“ nach Angaben von Media Control das meistgelesene gebundene Buch des Jahres. Nach zwanzig Jahren steht ein Autor da, der Rekorde sammelt und zugleich beschreibt, wie ihm die Grenze zwischen Arbeit und Zuhause abhandenkommt.
Faszination für Grausamkeit, ohne Freispruch
Der Titel des Printbeitrags ist ein Zitat von ihm selbst: „Je entsetzlicher die Tat, umso eher interessiert mich das Motiv“. Fitzek geht es um das Warum, nicht um das Wer. Er sagt, er müsse sich in die seltsamsten oder auch schrecklichsten Menschen einfühlen können – „aber damit entschuldige ich sie nicht“.
Im neuen Buch führt diese Haltung zu hartem Stoff. Laut dem stern-Gespräch operiert in „Der Nachtzug“ ein Menschenhändlerring, der junge Frauen zur Prostitution zwingt. Fitzek sagt, beim Schreiben komme er an Gewalt gegen Frauen nicht vorbei. Seit vielen Jahren engagiert er sich zudem für den Weißen Ring, die Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer.
Nachts auf der anderen Straßenseite
Wie stark Fitzek die Opferperspektive auch im Alltag mitdenkt, zeigen seine Schilderungen von Begegnungen, die viele Männer nicht kommentieren. Er beschreibt, wie er sich im Fahrstuhl neben einer alleinstehenden Frau fühlt und was er nachts auf der Straße tut. Er nennt das Mikrosachen – nicht große Gesten.
„Ich fühle mich immer unwohl, wenn ich in einen Fahrstuhl steige und da steht nur eine Frau allein. Ich kann die Ängste gut verstehen. Wenn ich nachts irgendwo auf einer Straße entlanglaufe und mir kommt eine Frau ohne Begleitung entgegen, wechsle ich die Straßenseite. Nicht, weil ich Angst habe, sondern weil das Mikrosachen sind, die man machen kann.“
Zugleich dämpft Fitzek die Erwartung, dass Vergebung im Ernstfall gelingt. Er halte das nur in der Theorie für logisch; in der Praxis hätten, vermutet er, sehr wenige Menschen die innere Größe, dem Mörder des eigenen Kindes zu vergeben. Für die Mehrzahl – „zu der zähle ich mich auch“ – würden in einer solchen Situation die eigenen Prinzipien über Bord gehen.
Zwanzig Jahre, ein Buch, viele Interviewtermine
Das Gespräch ist die Online-Fassung des Beitrags „Sebastian Fitzek: Der Meister des Psychothrillers im Gespräch“ aus stern Crime Nr. 69/2026, das seit dem 2. Oktober im Handel ist. Fitzek ist dieser Tage viel gefragt: Am 19. Oktober verbreiteten dpa und österreichische Medien ein Interview zum Buchstart, in dem er über Gewalt gegen Frauen und Prävention spricht. Am 20. Oktober legte die FAZ ihre Begegnung mit Fitzek zum Thriller „Der Nachtzug“ vor.
Von „Die Therapie“ zum Jubiläumsthriller
- 2006Erster Thriller erscheint
Sebastian Fitzek veröffentlicht mit „Die Therapie“ sein Debüt – der Ausgangspunkt seiner Karriere.
- 2025„Der Nachbar“ ist das meistgelesene Hardcover
Nach Angaben von Media Control führt Fitzeks Roman die gebundenen Bücher des Jahres an.
- 2. Oktober 2026stern Crime Nr. 69/2026 kommt in den Handel
Das Heft enthält den Beitrag „Sebastian Fitzek: Der Meister des Psychothrillers im Gespräch“.
- 19. Oktober 2026dpa-Interview zum Buchstart
Deutsche und österreichische Medien veröffentlichen „Nächster Halt Fitzek“, darin spricht er über Gewalt gegen Frauen und Prävention.
- 20. Oktober 2026stern.de veröffentlicht das Werkstattgespräch
Um 19:35 Uhr erscheint die Online-Fassung; am selben Tag publiziert die FAZ eine Begegnung mit Fitzek.
- 21. Oktober 2026„Der Nachtzug“ erscheint bei Droemer
352 Seiten, 26 Euro, limitierte Auflage – Fitzeks Jubiläumsthriller nach 20 Jahren als Autor.
Am 21. Oktober kommt „Der Nachtzug“ in den Handel – 352 Seiten, 26 Euro, limitierte Auflage. Ob der Stoff über den Menschenhändlerring nach dem Start neue Debatten über die Grenzen von Unterhaltung auslöst, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Antworten darauf, wie weit ein Autor sich in seine Figuren hineinbeugen darf, hat Fitzek im Gespräch gegeben. Auf die Frage nach seiner eigenen Arbeitsgrenze nicht.
