Knapp 13.000 Menschen haben sich für den 31. Oktober registriert, in 21 Städten wollen vor allem junge Menschen demonstrieren. Zehn Tage zuvor hat die Linken-Chefin Ines Schwerdtner ein anderes Land zum Vorbild erklärt – und damit einen Streit über Polizei, Medien und politische Verantwortung ausgelöst.
Am Mittwoch, 21. Oktober, sagte Ines Schwerdtner in einem Online-Briefing des Magazins Jacobin und des Studierendenverbands Die Linke.SDS, was in Frankreich funktioniere, müsse auch in Deutschland gelingen. Sie sagte:
„Was in Frankreich funktioniert, die verschiedenen Bewegungen zu verbinden, müssen wir auch in Deutschland machen. Aber auf unserer eigenen Basis sozusagen, also auf den Themen, an denen wir konkret arbeiten.“
Zwei Tage später konterte WELT-Chefreporterin Anna Schneider. Ihr Kommentar „Klare Kante gegen Schwerdtner“ lief am 23. Oktober um 08:59 Uhr in „Meine Welt, meine Meinung“ – und trägt den Satz „Frankreich ist Vorbild? Einfach dreist!“ im Titel.
Ein Vorbild auf eigener Basis
Schwerdtner hatte ihren Satz im Briefing eingeschränkt: Die Verbindung der Bewegungen müsse „auf unserer eigenen Basis“ geschehen, „also auf den Themen, an denen wir konkret arbeiten“. Der Vergleich zielt auf die französischen Schülerproteste, die im September an einer Schule in Créteil begannen und sich landesweit ausweiteten.
In dem Briefing versprach sie den Aktivisten Rückhalt – mit einer Formulierung, die sich gegen Polizei und Medien zugleich richtet.
„Ich stelle mich schützend vor euch, wenn ihr angegriffen werdet, egal ob von der Polizei oder von den Medien, darauf könnt ihr euch verlassen.“
Der Schutz, den Schwerdtner zusagt, gilt ausdrücklich auch dann, wenn Angriffe „von der Polizei“ ausgehen. Zugleich warnte sie vor einem Narrativ, das die Schuld bei Migranten und Linksextremen sucht, und sprach von einer „berechtigten Frustration“ der Menschen in diesem Land.
Schneider: Einfach dreist
Schneider nannte den Vergleich „einfach dreist“. In ihrem Kommentar steht der Satz: „Frankreich ist Vorbild? Einfach dreist!“
Im Talk zur Kritik an Schwerdtner sagte WELT-Chefreporterin Anna Schneider, die Linke zeichne „ein Freund-Feind-Feld mit Polizei und Medien“. Sie habe gerade jetzt ein Interesse, beschwichtigend zu wirken, statt sich an die Seite der Straße zu stellen.
70.000 Polizisten in Frankreich
Die Zahlen, die den französischen Vergleich tragen, sind hart. Das Innenministerium in Paris mobilisierte 70.000 Polizisten für das Protestwochenende. Nach den Ausschreitungen vom 17. und 18. Oktober galten in mehreren Großstädten nächtliche Ausgangssperren, der Innenminister räumte Vorbereitungsdefizite der Polizei ein.
In Deutschland warnt die Polizei vor einer Vereinnahmung der Proteste am 31. Oktober durch Linksextreme. Die Gewerkschaft der Polizei und mehrere Innenministerien äußerten sich entsprechend; in Berlin bereiteten sich die Beamten auf Schülerproteste vor.
Für die Initiative „Gen Z regelt“, die auch als „Gen Z steht auf“ auftritt, hatten sich bis zum 22. Oktober knapp 13.000 Menschen für eine Teilnahme registriert, wie aus dem WELT-Bericht zu den Gen-Z-Protesten hervorgeht.
Von Créteil bis zum 31. Oktober
- September 2026Schülerproteste beginnen in Créteil
An einer Schule im Pariser Vorort fehlt Personal, die Proteste weiten sich landesweit aus.
- 17./18. Oktober 2026Ausschreitungen in Frankreich
Hunderttausende demonstrieren, es kommt zu Plünderungen und Bränden. Die Pariser Polizei meldet 855 Festnahmen.
- 19. Oktober 2026Nächtliche Ausgangssperren
Mehrere Großstädte verhängen Ausgangssperren, der Innenminister räumt Vorbereitungsdefizite der Polizei ein.
- 21. Oktober 2026Schwerdtner nennt Frankreich Vorbild
In einem Briefing von Jacobin und Die Linke.SDS sagt die Linken-Chefin, was in Frankreich funktioniere, müsse auch in Deutschland gelingen.
- 22. Oktober 2026Widerspruch aus Brandenburg
Innenminister Jan Redmann (CDU) nennt die Äußerungen ein fatales Signal. WELT berichtet über 13.000 Anmeldungen für den 31. Oktober.
- 23. Oktober 2026Schneiders Kommentar
WELT-Chefreporterin Anna Schneider sendet „Klare Kante gegen Schwerdtner“.
- 31. Oktober 2026Geplanter Protesttag
In 21 Städten will die Initiative „Gen Z regelt“ demonstrieren.
Redmann: Ein fatales Signal
Widerspruch kam aus der CDU. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann nannte Schwerdtners Äußerungen „ein fatales Signal“ und warf der Linken vor, sich in die Tradition der französischen Gewalt zu stellen. Er sagte, Schwerdtner trage politische Verantwortung dafür, was am 31. Oktober auf deutschen Straßen passiere.
„Das ist ein fatales Signal. […] Damit trägt man auch eine politische Verantwortung dafür, was hier in Deutschland auf den Straßen am 31. passiert.“
Am 31. Oktober soll es in 21 Städten losgehen; ob es bei angemeldeten Kundgebungen bleibt, entscheidet sich in den kommenden Tagen. Redmann hat der Linken schon jetzt die Verantwortung für das zugeschrieben, was an diesem Tag auf deutschen Straßen passiert. Distanziert sich Schwerdtner vorher von Gewalt – oder bleibt ihr Satz vom Vorbild Frankreich stehen?
