Frauen sollen sich bei einem sexuellen Übergriff absichtlich übergeben, um den Täter abzuschrecken. Für diesen Tipp aus ihren Selbstbehauptungsseminaren steht die Polizei Bremen seit dem Wochenende öffentlich unter Druck – und nimmt ihn nicht zurück.
Ausgelöst hat die Debatte ein Bericht der „Kreiszeitung“. Darin bestätigt Polizeisprecherin Franka Haedke den Ratschlag: „Im Notfall, etwa einer versuchten Vergewaltigung, wehren Sie sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.“ Auch das Sich-Erbrechen könne eine wirksame Möglichkeit sein, ein Sexualdelikt abzuwehren.
Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes nennt den Rat in dem BILD-Bericht über den Erbrechen-Tipp „mehr als ungeeignet“ und wirft der Polizei vor, Betroffenen die Verantwortung für die Verhinderung der Tat zuzuschieben. Viele Opfer stünden unter Schock und „frieren ein“, statt sich planvoll zu übergeben.
Die Polizei nimmt den Tipp nicht zurück
Haedke räumte ein, die Entrüstung sei nachvollziehbar. Gerade bei einem so sensiblen Thema könne ein einzelner, aus dem Zusammenhang gelöster Ratschlag irritieren, sagte die Sprecherin des Präsidialstabs. Eine Entschuldigung war das nicht, sondern eine Einordnung.
„Niemand muss sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Und die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff liegt ausschließlich beim Täter.“
Der Satz antwortet auf den Kern des Vorwurfs. Terre des Femmes hatte der Behörde vorgeworfen, die Last auf die Betroffenen zu schieben. Die Polizei bestreitet das nicht, sie betont die Täterverantwortung – streicht den Ratschlag aber auch nicht aus ihrem Programm.
Eine Psychologin hält den Rat für realitätsfern
Janina Hagemann, Psychologin beim Sender RTL, bezweifelt, dass der Plan in der Praxis aufgeht. Menschen in Angst gerieten oft in einen Freeze-Zustand, in dem sie sich nicht mehr gezielt bewegen – geschweige denn sich absichtlich übergeben könnten.
Zweifel hat Hagemann auch am Nutzen. Ein machtmotivierter Täter könne durch Ekel sogar zusätzlich motiviert werden. Der Einwand trifft das Angebot im Kern, denn die Seminare zielen nach Darstellung der Polizei vor allem auf Gefahrenerkennung, Hilfeholen und Handlungssicherheit.
Mehr als 1200 Menschen in den Kursen
Die Kurse sind kein Nischenangebot. Im ersten Halbjahr 2026 nahmen nach Angaben der Polizei mehr als 1200 Menschen an ihren Präventionsveranstaltungen teil, darunter das Seminar „Starkes Auftreten statt starker Fäuste“ für Beschäftigte in Behörden, Unternehmen und medizinischen Einrichtungen.
Vom Seminarkatalog zur öffentlichen Debatte
- seit ca. 2015Erbrechen als Baustein im Tippkatalog
Die Zentrale Polizeiliche Prävention bietet nach eigenen Angaben seit mehr als zehn Jahren Selbstbehauptungsseminare an. Zum Katalog gehört das absichtliche Auslösen eines Würgereizes, um einen Täter durch Ekel zu stoppen.
- Oktober 2026Die „Kreiszeitung“ berichtet über den Tipp
Polizeisprecherin Franka Haedke bestätigt den Ratschlag und nennt Erbrechen eine wirksame Möglichkeit, ein Sexualdelikt abzuwehren.
- 25. Oktober 2026Terre des Femmes kritisiert, die Polizei stellt klar
Die Frauenrechtsorganisation nennt den Tipp „mehr als ungeeignet“. Die Behörde erklärt, Erbrechen sei keine allgemeine Empfehlung.
- 26. Oktober 2026Weitere Medien greifen den Fall auf
Welt, news.de, t-online und fr.de berichten über die Kritikwelle. Die „Junge Freiheit“ zitiert den offenen Brief einer Betroffenen.
- 27. Oktober 2026Die Behörde hält an den Seminaren fest
Die Polizei Bremen setzt ihr Programm fort und betont, die Schuld liege ausschließlich beim Täter.
Haedke verteidigt die Kurse mit dem Nutzen für die Teilnehmenden: „Professionell durchgeführte Schulungen und Weiterbildungen zu den Themen Kommunikation, Deeskalation und Selbstbehauptung und Verhalten in Gefahrensituationen vermitteln Handlungssicherheit und stärken das Sicherheitsgefühl der Teilnehmenden.“
Präventionsbeauftragte Katharina Stövesand ordnete den umstrittenen Punkt in der Reaktion der Polizei auf die Kritikwelle ein: Das Erbrechen sei „eine von vielen denkbaren Reaktionen in einer extremen Bedrohungssituation, aber ausdrücklich keine pauschale Empfehlung“.
Was eine Betroffene schildert
Wie unterschiedlich Körper in solchen Lagen reagieren, zeigt ein Fall, den die „Junge Freiheit“ zitiert. Die Betroffene Simone Ehrlich schildert in einem offenen Brief, sie habe sich während Vergewaltigungen unwillkürlich erbrochen – nicht als Taktik, sondern als Reaktion, die sie nicht steuern konnte.
Genau darin liegt der Streitpunkt. Wer den Ekel nicht kontrolliert auslösen kann, für den bleibt der Tipp folgenlos. Betroffene sprechen oft erst Jahre später über solche Taten – Elke Winkens' Bericht über Missbrauch in ihrer Kindheit steht dafür, wie spät solche Schilderungen häufig kommen.
Ob die Polizei Bremen ihren Tippkatalog überarbeitet, hat sie bislang nicht angekündigt. Am Dienstag hielt die Behörde an den Seminaren fest und verwies erneut darauf, dass die Schuld ausschließlich beim Täter liege. Offen ist damit, ob der Satz über das Erbrechen in der nächsten Kursrunde wieder fällt.
