Der 36-jährige İlkay Gündoğan sagt, er habe in Deutschland „vereinzelt Momente“ erlebt, in denen „Blicke oder Bewertungen strenger waren“. Das Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur wurde am Dienstag veröffentlicht – drei Tage vor dem 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 30. Oktober.
„Es gab vereinzelt Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass Blicke oder Bewertungen strenger waren.“
Der Satz wiegt, weil kaum ein anderer für die Verbindung beider Länder steht: 2024 führte Gündoğan die DFB-Elf als Kapitän durch die Heim-EM, danach beendete er seine Nationalmannschaftskarriere, heute steht er bei Galatasaray Istanbul unter Vertrag. Wenn gerade er von strengeren Blicken spricht, widerspricht das der Erzählung, Herkunft spiele längst keine Rolle mehr.
Der Großvater, der unter Tage arbeitete
Gündoğan führt seine eigene Geschichte auf einen Mann zurück, der 1973 aus der Türkei ins Ruhrgebiet kam. Sein Großvater İsmail habe dort als Bergmann unter Tage gearbeitet, sagt er – und dass „die Geschichte meiner Großeltern und Eltern das Fundament von allem“ sei, „was ich heute bin“.
Was daraus folgt, formuliert er als Dank und als Auftrag: „Ohne seinen Mut damals stünde ich heute nicht hier.“ Der Bergmann von 1973 und der Nationalspieler von 2024 gehören für ihn in dieselbe Geschichte – der Satz dreht die übliche Rede von Integration als einseitiger Anpassungsleistung um.
Von der Anwerbung 1961 bis zum Jubiläum 2026
- 30. Oktober 1961Anwerbeabkommen unterzeichnet
Die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei schließen das Abkommen zur Entsendung von Arbeitskräften.
- 1973İsmail kommt ins Ruhrgebiet
Gündoğans Großvater kommt aus der Türkei und arbeitet als Bergmann unter Tage.
- November 1973Anwerbestopp
Insgesamt sind rund 870.000 türkische Arbeitskräfte zugewandert, etwa eine halbe Million ist zurückgekehrt (Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung).
- 1990Geburt in Gelsenkirchen
İlkay Gündoğan wird in Gelsenkirchen geboren.
- 2024Kapitän bei der Heim-EM
Gündoğan führt die DFB-Elf als Kapitän durch die Europameisterschaft im eigenen Land und beendet danach seine Nationalmannschaftskarriere.
- 30. Oktober 202665. Jahrestag
Das Anwerbeabkommen wird 65 Jahre alt – drei Tage nach Veröffentlichung des dpa-Gesprächs.
870.000 kamen, eine halbe Million kehrte zurück
Die Zahlen hinter der Familiengeschichte: Seit 1961 sind rund 870.000 türkische Arbeitskräfte zugewandert, etwa eine halbe Million kehrte wieder zurück – so gibt es die Bundeszentrale für politische Bildung an.
Im November 1973 verhängte die Bundesrepublik den Anwerbestopp. İsmails Ankunft fällt in dasselbe Jahr – die Geschichte der Familie beginnt also genau an dem Punkt, an dem die staatlich organisierte Anwerbung endet.
65 Jahre nach dem Abkommen geht es nicht mehr um Anwerbung, sondern um Zugehörigkeit. Gündoğan, 1990 in Gelsenkirchen geboren, beschreibt genau diese Ebene: nicht die Entscheidung, ob jemand bleiben darf, sondern die Blicke, mit denen er bewertet wird.
Ein Appell an die nächste Generation
Zum Schluss des Gesprächs wird Gündoğan deutlich: Die nächste Generation solle sich nicht in Schubladen stecken lassen, sagt er – und meint damit das Sortieren nach Herkunft, das er selbst erlebt hat.
„Lasst euch nicht in Schubladen stecken. Nutzt die Vielfalt, die ihr in euch tragt, als Stärke und Chance.“
Der Aufruf richtet sich an alle, die hier geboren sind und trotzdem erklären müssen, woher sie kommen. Gündoğan hat diesen Weg selbst genommen – vom Gelsenkirchener Jungen zum Kapitän der Nationalelf. Dazu passt sein Satz: „Man muss sich nicht für eine Seite entscheiden, um irgendwo anzukommen.“ Für Deutschland wünscht er sich „mehr echtes Miteinander und weniger Spaltung“.
Aufgegriffen wurde der Appell breit: Die Welt-Berichterstattung zu Gündoğans Aussagen über seine Wurzeln stellt die strengeren Blicke in den Mittelpunkt, der n-tv-Bericht über sein Plädoyer gegen Schubladen den Aufruf an die Jüngeren. Am Freitag, dem 30. Oktober, ist der Jahrestag erreicht – was aus seinem Appell wird, ist offen.
