Bundeswehr kann 62 H145M-Kampfhubschrauber vorerst nicht einsetzen
Die Munition für die 20-Millimeter-Bordkanone gilt als nicht sicher einstufbar, ein Termin für die Behebung fehlt. Der Rechnungshof rät, weitere Hubschrauber erst zu bestellen, wenn Airbus liefert – das Verteidigungsministerium hält dagegen.
Die Bundeswehr hat 62 leichte Kampfhubschrauber des Typs H145M bestellt – und kann sie auf absehbare Zeit nicht als Kampfhubschrauber einsetzen. Ein vertraulicher Bericht des Bundesrechnungshofs kommt zu dem Ergebnis, dass die 20-Millimeter-Munition für die Bordkanone nicht als sicher eingestuft werden kann, wie der Spiegel über den vertraulichen Rechnungshof-Bericht berichtet.
Ursache ist nach Angaben der Prüfer eine „elektrostatische Empfindlichkeit des Anzündhütchens“. Einen Termin für die Behebung des Mangels nennen sie nicht. Die Truppe erhält die Maschinen zunächst in einer „vorläufigen Konfiguration“, mit der sie „nicht kämpfen, sondern lediglich ausbilden“ kann. Die volle Einsatzbereitschaft verschiebt sich nach Einschätzung der Prüfer um mehrere Jahre.
Der Rechnungshof empfiehlt, weitere Hubschrauber erst zu beschaffen, wenn Airbus die vertraglich geschuldete Leistung erbringt. Für die Prüfer steht das Projekt „auf einem kritischen Pfad“. Das Verteidigungsministerium will die Kritikpunkte prüfen, weist aber die Sorge vor verfehlten Nato-Zusagen zurück.
Kosten von 4,12 Milliarden Euro
Der Haushaltsausschuss des Bundestags billigte die Beschaffung am 13. Dezember 2023. Einen Tag später unterzeichnete das Beschaffungsamt BAAINBw den Rahmenvertrag mit Airbus Helicopters über bis zu 82 Maschinen – 62 fest bestellt, 20 als Option. Bereits damals nannte ein vertraulicher Rechnungshof-Bericht Gesamtkosten von über 4,12 Milliarden Euro und rügte Einschränkungen bei Gefechtstauglichkeit und Kräfteschutz, wie die Analyse des Milliardenprojekts H145M zeigt.
Im November und Dezember 2025 billigte der Haushaltsausschuss den Abruf der Option über 20 weitere Hubschrauber für rund eine Milliarde Euro, Lieferung 2027 bis 2029. Damit war die zweite Tranche bestellt, bevor die Bewaffnung geklärt war. Ähnlich läuft es beim ersten Drohnenregiment der Bundeswehr, dessen Ausrüstung noch fehlt.
Von der Bestellung zum Prüfbericht
13. Dezember 2023
Bundestag billigt die Beschaffung
Der Haushaltsausschuss gibt grünes Licht für die leichten Kampfhubschrauber.
14. Dezember 2023
Rahmenvertrag mit Airbus
Das BAAINBw unterzeichnet über bis zu 82 H145M – 62 fest bestellt, 20 als Option.
November 2024
Erste Übergabe in Donauwörth
Boris Pistorius übernimmt den ersten Hubschrauber und spricht von „gelebter Zeitenwende“.
Mai 2025
Schussversuche abgebrochen
Erste Tests mit dem Panzerabwehr-Lenkflugkörper scheitern an Problemen bei der Steuerung.
November/Dezember 2025
Option gezogen
Der Haushaltsausschuss billigt 20 weitere Maschinen für rund eine Milliarde Euro.
August 2026
Elf Maschinen in Bückeburg
Die Hubschrauber treffen „ohne Waffensysteme, aber aufrüstbar“ im Ausbildungszentrum ein.
1. November 2026
Bericht wird öffentlich
Der „Spiegel“ berichtet über den vertraulichen Bericht des Bundesrechnungshofs.
Spike-Raketen ohne abgeschlossene Erprobung
Auch beim Panzerabwehr-Lenkflugkörper Spike ER2 sehen die Prüfer Risiken. Erste Schussversuche im Mai 2025 wurden wegen Problemen bei der Steuerung abgebrochen. Trotzdem soll eine Tranche für 384 Millionen Euro beschafft werden, bevor die Erprobung abgeschlossen ist. Erst am 22. Juli 2026 beauftragte das BAAINBw die EuroSpike GmbH mit der Qualifizierung des Spike ER2 auf dem Hubschrauber.
Im Ausbildungszentrum Bückeburg sind im August 2026 elf Maschinen eingetroffen, „ohne Waffensysteme, aber aufrüstbar“. Brigadegeneral Volker Bauersachs von der General Heeresfliegertruppe mahnte damals: „Wir müssen jetzt in der Qualifizierung der Bewaffnung entscheidend weiterkommen.“ Drei Monate später fehlt für die Munition weiterhin ein Termin.
Umfrage
Lädt
Pistorius räumt eine Unterschätzung ein
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte den ersten Hubschrauber im November 2024 in Donauwörth übernommen und dabei von deutlich erhöhter „Drehzahl der Beschaffung“ und „gelebter Zeitenwende“ gesprochen. Zum Aufwand der Umrüstung sagte der Minister:
„Die Bundeswehr hat den notwendigen Aufwand unterschätzt, ein marktverfügbares ziviles Basishubschraubermuster zu einem militärischen Kampfhubschrauber umzurüsten.“
Boris Pistorius, Bundesverteidigungsminister (SPD)
Damit bestätigt der Minister im Kern die Einschätzung der Prüfer: Aus einem zivilen Basismuster sollte in kurzer Zeit ein Kampfhubschrauber werden – dieser Schritt ist nicht in der geplanten Frist zu schaffen. Das Ministerium kündigte an, die Kritikpunkte zu prüfen, und wies zugleich die Sorge zurück, Deutschland könne seine Zusagen an die Nato verfehlen.
Offen ist, ob das Ministerium der zentralen Empfehlung folgt und weitere Maschinen erst ordern will, wenn Airbus die geschuldete Leistung erbringt. Offen ist auch, wann die 20-Millimeter-Munition als sicher gelten kann – davon hängt ab, wann aus den bestellten Hubschraubern einsatzfähige Kampfhubschrauber werden.