Zwei maskierte Männer befreien am 14. Oktober den Clan-Drogendealer Dijvar Gündüz bei einem Arzttermin in Essen. Seither ist der zu mehr als zwölf Jahren Haft Verurteilte flüchtig. Im Trakt genau dieses Häftlings arbeitete ein Beamter der JVA Gelsenkirchen, gegen den wegen Bestechlichkeit ermittelt wird.
Der Mann sitzt seit dem 28. Oktober in Untersuchungshaft, einen Tag zuvor war ein Bediensteter der JVA Essen bei seiner Rückkehr aus dem Urlaub am Flughafen Frankfurt festgenommen worden. Auch gegen die Ehefrau des Gelsenkirchener Beamten läuft ein Verfahren – der Vorwurf lautet Geldwäsche. Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe.
An diesem Mittwoch muss Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) erklären, wie es so weit kommen konnte. In der 90. Sitzung des Rechtsausschusses in Düsseldorf geht es um Korruption, Schmuggel und Handys hinter Gittern. Die Opposition wirft dem Minister eklatanten Kontrollverlust vor.
Ein Beamter im Trakt des Flüchtigen
Der Gelsenkirchener ist kein Einzelfall. In der JVA Essen liefen bereits vor der Befreiung Gündüz' Ermittlungen wegen möglicher Korruption. Am 26. Oktober durchsuchten Ermittler Wohnung und Arbeitsbereich eines Pädagogen der JVA Wuppertal, Anfang Oktober war eine 31-jährige Beamtin der JVA Geldern festgenommen worden – die Anstaltsleitung hatte den Verdacht selbst gemeldet.
Gündüz war an jenem 14. Oktober zu einem Arzttermin am Kennedyplatz in Essen unterwegs, als zwei maskierte Komplizen ihn gewaltsam befreiten. Der Verurteilte entkam auf einem E-Scooter.
40.000 Euro und drei Ex-Häftlinge
Am 2. November wurden Details aus dem Bericht öffentlich, den der Justizminister an den Landtag geschickt hat. Darin aufgeführt: Funde bei einer Wohnungsdurchsuchung, 40.000 Euro an Bargeldzuflüssen und die Aussagen von drei früheren Häftlingen, die den Bediensteten belasten.
Die Auswertung der Strafverfahrensberichte erschien am 3. November, einen Tag vor der Sitzung, im FOCUS-Bericht über Korruption, Clan-Flucht und Schmiergeld.
Wie der Skandal seit dem Sommer eskalierte
- 13. Juli 2026Durchsuchung in der JVA Willich I
Wegen Bestechungs- und Schmuggelvorwürfen wird die Anstalt durchsucht. Das Parlament wird zunächst nicht informiert.
- 5. August 2026Sondersitzung des Rechtsausschusses
Das Justizministerium teilt mit, dass 108 Disziplinarverfahren gegen JVA-Bedienstete anhängig oder geplant sind.
- 14. Oktober 2026Gündüz wird in Essen befreit
Zwei maskierte Komplizen entreißen den zu mehr als zwölf Jahren Haft verurteilten Dealer einem Arzttermin, er flieht per E-Scooter.
- 27. Oktober 2026Festnahme am Flughafen Frankfurt
Ein Bediensteter der JVA Essen wird bei seiner Rückkehr aus dem Urlaub festgenommen.
- 28. Oktober 2026Haftrichter für den Gelsenkirchener
Der Beamte aus dem Trakt von Gündüz kommt in Untersuchungshaft.
- 4. November 202690. Sitzung in Düsseldorf
Limbach soll im Rechtsausschuss zu den neuen Korruptionsfällen berichten.
Limbach räumt eine Fehleinschätzung ein
Fehler hat der Minister schon im Sommer eingeräumt. In der Sondersitzung am 5. August sagte Limbach: „Das ist falsch eingeschätzt worden – auch von mir.“ Dort teilte sein Haus zudem mit, dass 108 Disziplinarverfahren anhängig oder geplant sind, wie der FAZ-Bericht über den eingeräumten Fehler festhält.
„Die Ermittlungen zeigen, dass Bestechlichkeit im Justizvollzug die Sicherheit in unseren Anstalten gefährdet und zugleich auch eine Gefahr für die täglich redlich arbeitenden Bediensteten ist. Dafür gibt es null Toleranz.“
Zugleich betonte Limbach die Grenzen des Systems: „Ein Gefängnis lässt sich nicht vollkommen hermetisch abriegeln. Die Klientel wendet teils erhebliche kriminelle Energie auf.“ Eine umfassende Prüfung der Regellage hat er zugesagt.
Der Vorwurf des Kontrollverlusts
Im Ausschuss trifft Limbach auf einen Mann, der seine Bilanz seit dem Sommer scharf kritisiert: Werner Pfeil, Rechtsexperte der FDP und Vorsitzender des Rechtsausschusses.
„In Minister Benjamin Limbachs NRW-Justiz sind Schmuggel, Korruption, Drogen und Handys Alltagsgeschäft. Je mehr die Beschäftigten unter dem politisch geschaffenen Personalmangel leiden, desto weniger funktionieren Kontrollmechanismen in den Anstalten.“
Der FDP-Politiker zielt damit auf die Personallage: Weniger Bedienstete bedeuten nach seiner Darstellung weniger Kontrollen – und mehr Gelegenheiten für Schmuggel, Drogen und Handys in den Zellen.
Was am Mittwoch zur Debatte steht
Für Limbach geht es in der Sitzung um die Frage, wie viel Kontrolle der Staat über seine Gefängnisse noch hat. Die Bilanz vor dem Termin: Ein Verurteilter ist frei, ein Bediensteter sitzt in Haft, und die Zahl der Disziplinarverfahren liegt seit August bei 108.
Offen ist, wie viele der 108 Disziplinarverfahren bis dahin abgeschlossen sind und ob der Vollzug noch kontrolliert, wer in den Zellen ein- und ausgeht. Die 90. Sitzung des Rechtsausschusses in Düsseldorf ist für Mittwoch angesetzt.
