Die Schere zwischen Politik und Volk
Die repräsentative Demokratie gerät in Schieflage, wenn sich die politische Klasse zu weit von der Lebensrealität der Bürger entfernt. Genau davor warnt FOCUS-Kolumnist Jan Fleischhauer in der neuesten Folge des Podcasts „Der Schwarze Kanal“. Sein Vorwurf: Die SPD schäme sich für das eigene Volk – und sei damit keine Volkspartei mehr.
Die Schere darf nicht zu weit auseinandergehen, weil dann überdehnt man das Prinzip der repräsentativen Demokratie.Jan Fleischhauer, FOCUS-Kolumnist
Anlass ist ein Auftritt des ehemaligen SPD-Chefs Sigmar Gabriel bei „Hart aber fair“. Gabriel hatte dort die provokante Frage aufgeworfen, ob man unliebsame Parteimitglieder gleich ausschließen oder erst einem Umerziehungsprogramm unterziehen solle. Hintergrund: In den Parteien komme das „stinknormale Deutschland“ kaum noch vor.
Fleischhauer spitzt zu: „Genau diese Art von Leuten gibt es natürlich irgendwo in den Parteien. Aber eigentlich schämt man sich derer.“ Gemeint sind Menschen, die rauchen, Fleisch essen, All-inclusive-Urlaub auf Mallorca machen, RTL2 schauen – kurz: die traditionelle Wählerschaft der Volksparteien.
Tatsächlich klafft eine immer größere Lücke zwischen politischer Klasse und Bevölkerung. Während nur ein kleiner Teil der Deutschen ein Hochschulstudium abgeschlossen hat, dominieren Akademiker die Parlamente. Im Bundestag sind es 81 Prozent aller Abgeordneten. Für Fleischhauer ist das mehr als eine statistische Auffälligkeit.
Die Akademisierung verschärfe das Gefühl vieler Bürger, dass die da oben mit ihnen nichts mehr zu tun hätten, so Fleischhauer: „Die sehen uns auch nicht.“ Wer aus Akademikerfamilien komme, habe oft einen völlig anderen Blick auf Mobilität, Karriere und soziale Sicherheit als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Dass einzelne Kabinettsmitglieder wie Arbeitsministerin Bärbel Bas oder Landwirtschaftsminister Alois Rainer andere Bildungswege vorweisen können, hält Fleischhauer nicht automatisch für einen Beweis größerer Volksnähe. Entscheidend sei, aus welcher Lebenswirklichkeit die Politiker stammten – und die sei zunehmend akademisch geprägt.
Die Debatte um die Entfremdung der SPD von ihrer traditionellen Wählerschaft ist nicht neu. Bereits 2025 hatte Sigmar Gabriel in einem Interview mit Ippen Media kritisiert, die Partei habe sich „zu lange mit Wokeness aufgehalten“ und damit den Draht zur Basis verloren. Viele Menschen fühlten sich nicht mehr vertreten.
Fleischhauers Kolumne endet mit einer klaren Warnung: Wenn eine Partei, die sich Volkspartei nenne, die eigenen traditionellen Wähler als peinlich empfinde, untergrabe sie das Fundament der Demokratie. Ob die SPD diesen Konflikt auflösen kann, bleibt offen – die nächsten Wahlergebnisse werden zeigen, ob die Entfremdung bereits unumkehrbar ist.





