Rekord-Frührente unter Babyboomern
Der Druck auf das deutsche Rentensystem wächst: 2024 bezogen bereits 1,1 Millionen Babyboomer eine vorzeitige Altersrente – 200.000 mehr als im Jahr zuvor. Das geht aus einem neuen Kurzbericht des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, der der dpa vorliegt.
Insgesamt lebten 2024 demnach 19,3 Millionen Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge 1954 bis 1969 in Deutschland. Rund 6 Millionen von ihnen bezogen eine gesetzliche Altersrente, 1,1 Millionen vor Erreichen der Regelaltersgrenze. Ende 2023 waren es erst 4,5 Millionen Babyboomer in Altersrente, darunter 0,9 Millionen Frührentner.
Regelaltersgrenze steigt, Zugangsalter hinkt hinterher
Die Regelaltersgrenze wurde seit 2012 schrittweise von 65 auf 66 Jahre (2024) angehoben – im selben Zeitraum erhöhte sich das durchschnittliche Rentenzugangsalter jedoch nur um acht Monate. Für das IW ist dies eine direkte Folge der Frühverrentungsmöglichkeiten, die dem politischen Ziel der Lebensarbeitszeitverlängerung entgegenlaufen.
„Zur Stabilisierung des Rentensystems sollten Beitragszahler möglichst lange einzahlen.“
Wer 35 Versicherungsjahre erreicht hat, kann bereits mit 63 Jahren eine Rente mit Abschlägen beziehen; nach 45 Beitragsjahren ist sogar ein abschlagsfreier Ausstieg zwei Jahre vor der Regelaltersgrenze möglich. Das IW kritisiert, dass diese „Rente mit 63“ die Wirkung der schrittweisen Anhebung der Altersgrenzen unterläuft.
Politik im Zwiespalt: Reformdruck und Widerstand
Das IW lobt die Vorschläge der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission, die in ihrem Abschlussbericht vom 24. Juni 2026 die Streichung der abschlagsfreien Frühverrentung und schrittweise höhere Altersgrenzen empfiehlt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) haben eine vollständige Umsetzung der Vorschläge angekündigt.
Doch die IG Metall unter Christiane Benner droht mit massivem Widerstand. Auch innerhalb der SPD regt sich Kritik: Sozialexperten fordern längere Übergangsfristen bei der „Rente mit 63“. Eine IW-Studie zeigt zudem, dass jeder vierte Frührentner trotz Rente weiterarbeitet – ein Widerspruch zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit.
„Die Bundesregierung muss daher dringend die Frühverrentung stoppen, um die gut ausgebildeten Babyboomer im Arbeitsmarkt zu halten.“
Demografische Zeitbombe tickt
Bis 2036 werden sämtliche Babyboomer-Jahrgänge vollständig aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sein. Das IW rechnet mit einem Verlust von 4,3 Millionen Arbeitskräften. Setzt sich der Trend zur vorzeitigen Rente fort, werden ab 2025 jährlich mindestens eine Million Babyboomer vor dem Regelalter in Rente gehen – mit erheblichen Folgen für Beitragszahler, Rentenkasse und Sozialstaat.
Der IW-Kurzbericht erhöht den Druck auf die schwarz-rote Koalition, die Rentenreform gegen den Widerstand von Gewerkschaften und Teilen der SPD durchzusetzen. Ohne Kurswechsel droht die Altersversorgung zur schwersten innenpolitischen Belastungsprobe des Jahres zu werden.





