Kostenlos ab dem ersten Kind
Es ist ein familienpolitisches Kernversprechen, mit dem die AfD in den Landtagswahlkampf zieht: Krippen- und Kindergartenplätze sollen dauerhaft kostenfrei werden – und zwar «ab dem ersten Kind». Auch die Mittagsverpflegung will die Partei für alle Kinder von der Krippe bis zur Schule gratis und «von hoher Qualität» bereitstellen. So steht es im Regierungsprogramm, das die AfD Sachsen-Anhalt am 11. April 2026 auf ihrem Landesparteitag in Magdeburg mit großer Mehrheit verabschiedet hat.
Das 156 Seiten starke Papier definiert Familie explizit als «Vater, Mutter, Kind» und ergänzt die Betreuungsversprechen um ein «Baby-Begrüßungsgeld» für Neugeborene – vorausgesetzt, mindestens ein Elternteil besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft und die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen sind erfolgt. Auch einen Eigenheimkredit mit Nachwuchsprämie hat die AfD in Aussicht gestellt. Die Begründung: Das Gemeinwesen müsse den «Mehrwert von Kindern» anerkennen und einen Rahmen schaffen, «in dem die einseitige finanzielle Belastung von Familien mit Kindern ausgeglichen wird».
Siegmunds Relativierung bei Markus Lanz
Mitte Juli 2026, knapp zwei Monate vor der Wahl, trat AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in der ZDF-Sendung «Markus Lanz» auf. Auf die Frage, wann die versprochenen kostenlosen Kitas Realität würden, blieb der Co-Vorsitzende der Landtagsfraktion ausweichend. Seine Antwort war ein Bruch mit der vollmundigen Ankündigung des Programms.
„In dem Moment, wo wir die haushälterische Freiheit dafür haben. So schnell wie möglich.“
Dann schob Siegmund nach, das große Rad müsse in Berlin gedreht werden. Das Bundesland sei von den «völlig verrückten Entscheidungen in Berlin» abhängig und könne finanziell nicht frei agieren. Der Kernsatz jedoch war unmissverständlich:
„Es ist nicht alles sofort umsetzbar.“
Das Eingeständnis markiert eine Kehrtwende. Noch im 100-Tage-Sofortprogramm, das die AfD am 11. Juli in Magdeburg vorgestellt hatte, waren kostenloses Schulessen und Kitaplätze als unmittelbare Maßnahmen bekräftigt worden. Bei Lanz schränkte Siegmund nun ein, alles stehe unter Finanzierungsvorbehalt.
Finanzielle Zweifel und Abhängigkeit von Berlin
Die Haushaltslage in Sachsen-Anhalt ist angespannt. Medienberichte weisen darauf hin, dass die AfD gleichzeitig Geld für zahlreiche kostspielige Vorhaben verspricht: neben den Kitas und dem Schulessen auch für ein Baby-Begrüßungsgeld, eine Meisterprämie und mehr Vollzugsbeamte. Hans-Thomas Tillschneider, maßgeblicher Autor des Programms, argumentierte auf dem Parteitag, man könne an anderer Stelle sparen – etwa bei Gender-Politik, durch eine «Abschiebeoffensive» oder den Umbau der Landeszentrale für politische Bildung. Ob diese Einsparungen ausreichen, wird allerdings bezweifelt.
Hinzu kommt, dass viele zentrale Forderungen der AfD in Bundeskompetenz fallen. Migrationsrechtler der Universität Wittenberg haben ermittelt, dass von 56 migrationspolitischen Forderungen im Programm 21 ausschließlich auf Bundes- oder Europaebene umsetzbar wären. Siegmunds Satz, das große Rad müsse in Berlin gedreht werden, ist daher auch eine präventive Rechtfertigung für den Fall, dass sich Wahlversprechen nicht einlösen lassen.
„Das große Rad muss aber in Berlin gedreht werden.“
Die AfD Sachsen-Anhalt, die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, liegt in Umfragen bei rund 40 Prozent – weit vor der CDU. Siegmund strebt eine Alleinregierung an und nannte auf dem Parteitag eine Zielmarke von «45 Prozent plus X». Sollten FDP, Grüne, SPD und BSW an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, könnten der AfD bereits 42 bis 43 Prozent für eine absolute Mehrheit reichen.
Die Diskrepanz zwischen dem familienpolitischen Vollkasko-Versprechen und der haushaltspolitischen Realität wird damit zum zentralen Testfall für die Glaubwürdigkeit der AfD. Die Wähler müssen sich darauf einstellen, dass die versprochenen kostenlosen Kitas und das Gratis-Schulessen möglicherweise nicht am ersten Tag einer blauen Regierung Realität werden – sondern eine Frage der «haushälterischen Freiheit» bleiben, über die in Berlin entschieden wird.





