1.630 Bahnmitarbeiter in fünf Monaten attackiert – 'neuer Negativrekord der Gewalt' droht
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Alarmierende Zahlen

1.630 Bahnmitarbeiter in fünf Monaten attackiert – 'neuer Negativrekord der Gewalt' droht

Nach dem tödlichen Angriff auf Zugbegleiter Serkan Çalar schien ein Umdenken möglich. Doch die Statistik zeigt: Nie gab es mehr Gewalt gegen Bahnbeschäftigte. Jeder dritte denkt ans Aufhören.

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662 Körperverletzungen, 175 gefährliche Angriffe, 661 Bedrohungen

Diese Zahlen aus der polizeilichen Eingangsstatistik für Januar bis Mai 2026 belegen eine eskalierende Gewaltwelle. Insgesamt 1.630 Beschäftigte der Deutschen Bahn wurden in diesen fünf Monaten Opfer von Straftaten. Die Daten gehen aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine parlamentarische Anfrage des Linken-Abgeordneten Dietmar Bartsch hervor, die zuerst die Tagesschau veröffentlichte.

Rechnerisch sind das mehr als 13 Fälle pro Tag, allein 5,5 körperliche Angriffe. Im selben Zeitraum wurden außerdem 4.672 Beamte der Bundespolizei attackiert – darunter 3.734 Widerstandshandlungen und 1.427 tätliche Angriffe. Die Gewalt richtet sich nicht nur gegen Personal: Erst im Juni sorgte ein Mann in Kölner Bahnstationen für Schlagzeilen, der wahllos Reisende angriff und einen Mann auf die Gleise zu ziehen versuchte.

Der entsetzliche Tod des Zugbegleiters Serkan C. im Februar, der das ganze Land schockiert hat, hat offensichtlich nichts verändert. Mehr als 650 Körperverletzungen, ebenso viele Bedrohungen gegenüber dem Personal der Bahn in nur fünf Monaten. Geht es so weiter, droht in diesem Jahr bei der Bahn ein neuer Negativrekord der Gewalt.
Dietmar Bartsch, Linken-Bundestagsabgeordneter

Der Mord, der alles ändern sollte

Am 4. Februar 2026 erschütterte der gewaltsame Tod des 36-jährigen Zugbegleiters Serkan Çalar die Republik. Der Familienvater war in einem Regionalzug bei Landstuhl von einem Schwarzfahrer mit Schlägen gegen den Kopf attackiert worden und erlag einer Hirnblutung. Mehr als tausend Menschen nahmen an einem Totengebet in Ludwigshafen teil, seine beiden Kinder werden künftig bei seinem Bruder leben.

Nur elf Tage später berief DB-Vorstandsvorsitzende Evelyn Palla einen Sicherheitsgipfel im Berliner Bahn-Tower ein. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) und Gewerkschaften saßen mit am Tisch. Das Ergebnis: Ein „Aktionsplan für mehr Sicherheit auf der Schiene“ mit freiwilligen Bodycams für alle Mitarbeitenden mit Kundenkontakt, 200 zusätzlichen Sicherheitskräften der DB Sicherheit, Notfallknöpfen und KI-gestützter Videoüberwachung an Bahnhöfen. Die verpflichtende Ausweiskontrolle beim Deutschlandticket wurde ausgesetzt.

Unser Anspruch ist klar: Sicherheit braucht eine klare Haltung – personell, technisch und rechtlich. Deshalb handeln wir entschlossen und setzen mit konkreten Maßnahmen ein deutliches Zeichen für mehr Sicherheit im Bahnverkehr.
Evelyn Palla, DB-Vorstandsvorsitzende

Doch aus Sicht der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und des Betriebsrats blieb das Wichtigste unerfüllt: eine flächendeckende Doppelbesetzung in Regionalzügen. EVG-Chef Martin Burkert nannte das Treffen ein „Pingpong zwischen Bund und Ländern“. DB-Betriebsratsvorsitzende Heike Moll sagte: „Es kann nicht sein, dass unsere Kolleginnen und Kollegen jeden Tag in die Arbeit gehen und um ihr Leben fürchten.“ Bayerns Verkehrsminister verwies auf fehlende 40 Milliarden Euro Regionalisierungsmittel.

Jeder Dritte denkt ans Aufhören

Eine im März 2026 veröffentlichte EVG-Umfrage unter 4.000 Mitgliedern, durchgeführt von der Universität Bremen, offenbart die dramatischen Folgen der anhaltenden Unsicherheit. 85 Prozent der Beschäftigten mit Kundenkontakt haben bereits Beschimpfungen oder Bedrohungen erlebt, zwei Drittel fühlen sich bei der Arbeit zunehmend unsicher. Jeder dritte Bahnmitarbeiter trägt sich mit Kündigungsgedanken.

Die ausufernde Gewalt bringt das ganze System ins Wanken. Einen so massiven Personalverlust kann kein Unternehmen kompensieren. Sonst könnten bald massenhaft Züge und Busse wegen Personalmangels stehenbleiben.
Kristian Loroch, stv. EVG-Vorsitzender

CDU-Innenpolitiker Alexander Throm nannte die Entwicklung „beunruhigend“: „Dieser Verrohung und Gewalt muss Einhalt geboten werden.“ Er verwies auf das neue Bundespolizeigesetz mit biometrischer Erkennung und KI-Einsatz an Bahnhöfen. Der Fall Çalar hatte auch die Ministerpräsidentenkonferenz veranlasst, sich für flächendeckende Videoüberwachung mit Tonaufzeichnung auszusprechen.

Am 17. Juli 2026 – dem Tag der STERN-Veröffentlichung – wurde das Urteil im Prozess gegen den mutmaßlichen Täter des Mordes an Serkan Çalar erwartet. Bis Redaktionsschluss lag keine Entscheidung vor. Dietmar Bartsch forderte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und DB-Chefin Palla zu einem erneuten Sicherheitsgipfel auf: „Bahn und Innenminister sollten erneut zu einem Gipfel zusammenkommen, um Entsprechendes zu verabreden und auf den Weg zu bringen.“

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