Kabinett beschließt drastische Einschnitte beim Wohngeld
Für Hunderttausende Geringverdiener, Rentner und Familien wird das Leben ab 2027 teurer. Das Bundeskabinett hat am 6. Juli 2026 einen Gesetzentwurf zur Neuordnung des Wohngeldes beschlossen, der die jährlichen Bundesausgaben von fünf auf drei Milliarden Euro senken soll. Bauministerin Verena Hubertz (SPD) begründete die Kürzungen mit den Sparvorgaben der Haushaltseckwerte für 2027.
Rund 400.000 der bisher 1,2 Millionen Wohngeld-Haushalte werden nach dem neuen Gesetz komplett aus der Förderung fallen. Das entspricht etwa einem Drittel aller Bezieher. Die übrigen Empfänger müssen mit geringeren Beträgen rechnen – im Schnitt erhalten sie derzeit 287 Euro monatlich.
Drei Stellschrauben für die Milliarden-Einsparung
Der Gesetzentwurf „Zur Vereinfachung und Fortentwicklung des Wohngeldgesetzes“ sieht im Kern drei Maßnahmen vor: Die automatische Anpassung an Inflation und Mietpreise (Dynamisierung) wird ausgesetzt, die Heizkostenkomponente halbiert und die Berechnungsformel so verändert, dass weniger Haushalte anspruchsberechtigt sind. Vor allem Haushalte an der oberen Einkommensgrenze, die bislang nur geringe Beträge von 50 bis 60 Euro monatlich erhielten, gehen künftig leer aus.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beziffert das Kürzungsvolumen auf 2,16 Milliarden Euro – faktisch eine Halbierung der für 2026 geschätzten Gesamtausgaben von Bund und Ländern in Höhe von 4,35 Milliarden Euro. Bestehende Wohngeldbescheide genießen zwar Bestandsschutz, doch sobald ein neuer Antrag nötig wird – in der Regel alle zwölf Monate – greifen die verschärften Regeln.
Rentner und Alleinerziehende besonders betroffen
Nach Zahlen des Bauministeriums sind 44 Prozent der Wohngeldbeziehenden Familien, darunter viele Alleinerziehende, und 52 Prozent Rentnerhaushalte. Der DGB kommt auf ähnliche Werte und warnt, dass vor allem Ältere und Kinder unter den Kürzungen leiden werden. Der Deutsche Juristinnenbund (djb) betont, dass Alleinerziehende – und damit überwiegend Frauen – überproportional betroffen sind.
Wer künftig gar kein oder nur noch sehr wenig Wohngeld erhält, soll in die Grundsicherung wechseln. Damit würden jedoch strengere Regeln gelten, etwa die Anrechnung von Vermögen. Für viele Betroffene bedeutet das faktisch einen deutlichen Einkommensverlust.
„Die Kürzungen sind notwendig, um die Sparvorgaben des Bundes zu erfüllen.“
Breiter Widerstand von Opposition und Verbänden
Gewerkschaften, Mieterbund und Wohlfahrtsverbände laufen Sturm gegen die Pläne. Der DGB nennt sie „völlig inakzeptabel, unsozial und einen sozialpolitischen Irrweg“ und kritisiert, dass der Staat bei der Abfederung hoher Wohnkosten spare, statt die Mietenexplosion zu bekämpfen. Auch im Bundestag regt sich Widerstand: Bereits im Juni beriet das Parlament Oppositionsanträge von Linken und Grünen, die eine Rücknahme der Kürzungen und teils eine Mietpreisdeckelung fordern.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband hatte zuvor ermittelt, dass 22 Prozent der Bevölkerung (etwa 18,4 Millionen Menschen) nach Abzug der Wohnkosten als einkommensarm gelten. Sparvorgaben der Ampel-Regierung treffen damit auf eine ohnehin angespannte soziale Lage.
Reform im Kontext der geplanten Sozialstaatsneuordnung
Die Wohngeld-Kürzung ist Teil einer umfassenderen Sozialstaatsreform, die Union und SPD anstreben. Eine eingesetzte Kommission empfahl, Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag in einem einheitlichen System zusammenzuführen. Aus vier Behörden sollen zwei werden: eine für Erwerbsfähige und eine für Nichterwerbsfähige. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) betonte, dass es bei der Reform nicht um Leistungskürzungen gehe, sondern um einen „einfacheren, digitaleren und transparenteren“ Sozialstaat.
Bundestag und Bundesrat werden den Wohngeld-Gesetzentwurf voraussichtlich im Herbst 2026 beraten. Änderungen sind noch möglich. Bis dahin dürfte der Streit über die soziale Schieflage der Kürzungen an Schärfe zunehmen – zumal das Inkrafttreten zum 1. Januar 2027 Millionen Haushalten unmittelbar weniger Geld im Portemonnaie bescheren würde.





