Eklat um Lauterbach-Äußerung
Auf Gutverdiener und junge Talente, die Deutschland aus Frust über hohe Abgaben verlassen, könne man verzichten – mit diesem Satz hat SPD-Bundestagsabgeordneter Karl Lauterbach am 22. Juli 2026 eine heftige Debatte ausgelöst. Auslöser war ein X-Beitrag von Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), der von fünf auswanderungswilligen Paaren in seinem Freundeskreis berichtete.
In seiner Replik schrieb Lauterbach, ebenfalls auf X: „Es ist dieses permanente Schlechtreden, was uns am stärksten schadet. Diese ewigen Übertreibungen von jungen Talenten, die mit dem hohen Rentenbeitrag (‚schnief‘) nicht klarkommen und deshalb angeblich auswandern. Auf diese Leute können wir verzichten, falls es sie überhaupt gibt.“
Kubicki greift Lauterbach scharf an
Noch am selben Tag reagierte FDP-Vize Wolfgang Kubicki, der schon früher mit unverblümten Worten auffiel, auf X:
„Karl Lauterbach hat als Gesundheitsminister oft genug bewiesen, dass ihm jedwede Eignung für ein politisches Amt fehlt. Bemerkenswert ist jedoch, dass man in der SPD inzwischen offenbar ohne Konsequenzen die Bevölkerung beschimpfen kann.“
Kubicki zielte damit nicht nur auf Lauterbach persönlich, sondern auf die SPD-Führung: Dass ein amtierender Ausschussvorsitzender derart über Steuerzahler und Leistungsträger sprechen könne, sei mit seiner Position „untragbar“ – sofern man nicht in der SPD sei.
Breite Front gegen Lauterbach
Kubickis Kritik blieb nicht die einzige. FDP-Politikerin Linda Teuteberg warf Lauterbach auf X vor, die Lage schönzureden und damit nötige Reformen zu blockieren. CDU-Fraktionsvize Sepp Müller empfahl dem SPD-Politiker, zukünftig auf das Twittern zu verzichten. Der Berliner Unternehmer Christian Miele nannte die Äußerung „an Arroganz kaum zu übertreffen“ und fügte hinzu: „Als Steuerzahler habe ich solche Aussagen absolut satt.“
Auch Arbeitgeberpräsident Steffen Kampeter äußerte sich gegenüber BILD scharf: „Lauterbach hat Unrecht. Wer leistet, will auch davon etwas haben. Im internationalen Vergleich der OECD sind wir Vizeweltmeister, allerdings beim Abkassieren von Steuern und Abgaben. Die spöttischen Bemerkungen des SPD-Abgeordneten über Leistungsträger sind völlig daneben.“
Rekordauswanderung und Frust unter Spitzenverdienern
Die von Alsleben geschilderte Anekdote hat einen realen Kern: Im vergangenen Jahr zogen laut Statistischem Bundesamt mehr als 288.000 Deutsche ins Ausland – so viele wie nie. Eine Umfrage des Job-Portals Indeed ergab, dass sich mehr als die Hälfte der Spitzenverdiener mit einem Haushaltseinkommen ab 6.000 Euro im Ausland beworben oder den internationalen Stellenmarkt sondiert hat. Die Studie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt, dass jeder fünfte junge Mensch plant, das Land zu verlassen.
Hinzu kommt, dass zwei Drittel der Auswanderer unter 40 Jahre alt sind und drei Viertel einen Hochschulabschluss besitzen, wie Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung belegen.
Lauterbach löscht Tweet und rudert zurück
Einen Tag nach der Veröffentlichung, am 23. Juli, löschte Lauterbach seinen Tweet und erklärte gegenüber BILD: „Ich wurde missverstanden. Als Gastprofessor der Harvard Universität weiß ich natürlich, dass auch junge Leute mit sehr guter Qualifikation Deutschland verlassen oder nicht zurückkommen.“ Er räumte ein, dass Reformen im Bildungssystem nötig seien, betonte aber: „Weniger als ein Promille der Deutschen verlassen jährlich netto das Land.“
Ob dieser Rückzieher die Wogen glätten kann, bleibt offen. Die Debatte um die Attraktivität des Standorts Deutschland und die Wertschätzung von Leistungsträgern dürfte die politische Sommerpause überdauern.





