Doppelte Blockade lähmt Ölhandel
Brent-Rohöl hat am 24. Juli die Marke von 100 Dollar durchbrochen – der höchste Stand seit Anfang Juni. Auslöser ist die faktische Schließung der Straße von Hormuz, die Iran nach der neunten Nacht aufeinanderfolgender US-Luftangriffe am 20. Juli verhängt hatte. Gleichzeitig weiteten die mit Iran verbündeten Houthi-Rebellen den Konflikt auf das Rote Meer aus, griffen einen saudischen Öltanker an und drohten mit einer Blockade des Bab al-Mandeb. Damit sind beide kritischen Exportrouten des Nahen Ostens gleichzeitig bedroht – ein Novum.
Die jüngste Eskalation folgt auf eine kurze Entspannungsphase. Das im April unterzeichnete Memorandum of Understanding, das die Straße von Hormuz vorübergehend öffnete, ist Geschichte. Stattdessen fordert Iran nun eine Passagegebühr von einem bis zwei Dollar pro Barrel – und setzt diese mit Drohungen durch. Die Lloyd's Market Association erklärte am 24. Juli, dass Zahlungen dieser Maut gegen US-Sanktionen verstoßen und den Versicherungsschutz erlöschen lassen. "Für Tanker gibt es keinen legalen Weg mehr aus dem Golf", heißt es von Analysten.
Nur noch 44 Schiffe befinden sich laut Daten von Kpler innerhalb der Straße, verglichen mit 97 kurz vor dem April-Waffenstillstand. Über 200 Millionen Barrel Öl waren im Juni während der kurzen Waffenruhe aus der Meerenge entkommen – diese Reserve existiert nicht mehr. Rund 540 Tanker mit etwa 300 Millionen Barrel Rohöl und einem Wert von rund 32 Milliarden Dollar sitzten nun im Persischen Golf fest.
„The conflict has entered a decidedly more dangerous phase. It could shift the sentiment of 'the market always finds a workaround' camp.“
Preise schießen in die Höhe – Tankstellen teurer
Die Ölpreise sind im Juli um etwa 30 Prozent gestiegen. Brent kletterte am 22. Juli über 95 Dollar, am 23. Juli über 98 Dollar und durchbrach am 24. Juli die 100-Dollar-Marke. WTI stieg auf über 90 Dollar. In den USA kostet Benzin bereits mehr als 4 Dollar pro Gallone, Diesel über 5,20 Dollar. Die Raffineriemargen, gemessen an den 3-2-1-Crack-Spreads, liegen mit 70 Dollar pro Bundle auf Rekordniveau – das entspricht rund 23 Dollar pro Barrel.
Analysten von Goldman Sachs, Rapidan Energy und HFI Research warnen vor einer weiteren Eskalation. Bob McNally von Rapidan Energy fürchtet, die "Blase des Optimismus" könne platzen: "Dann werden wir sehr viel höhere Preise sehen", so McNally. Sein Szenario: 110 Dollar in den kommenden Wochen, bei anhaltender Krise 150 Dollar. Goldman Sachs sieht ein Risiko von über 120 Dollar, falls der Konflikt bis Jahresende andauert. HFI Research hält die aktuellen Raffineriemargen bereits für ein Warnsignal: "Bei diesen Margen sind wir schon bei 150 Dollar pro Barrel", so das Energie-Research-Unternehmen.
„I think that optimism is unwarranted and I think that bubble could burst. And if so, we're going to reprice much higher, I'm afraid.“
Leere Lager und die Russland-Krise
Diese Eskalation ist anders als frühere Krisen: Die globalen Rohölvorräte sind in fünf Kriegsmonaten um 1,3 Milliarden Barrel gesunken. Die US-Strategische Ölreserve ist durch die Anzapfung um 116 Millionen Barrel auf den niedrigsten Stand seit 1983 gefallen – nur noch 60 Millionen Barrel über dem gesetzlichen Minimum. Gleichzeitig hat Russland ein Diesel-Exportverbot verhängt, nachdem ukrainische Drohnen mehrere Raffinerien und das CPC-Terminal am Schwarzen Meer getroffen hatten. Dem Weltmarkt fehlen damit täglich 800.000 Barrel Diesel – rund 12 Prozent der globalen Lieferungen.
Torgrim Reitan, CFO des norwegischen Staatskonzerns Equinor, bringt es auf den Punkt: "Diesmal ist es ganz anders, denn die Lager sind leer, es gibt keine Überversorgung." Equinor meldete passend zur Krise eine Verdopplung des Quartalsgewinns auf 11,5 Milliarden Dollar. Unterdessen warnt das Institut der deutschen Wirtschaft, ein längerer Ölpreisschock könne die Konjunktur "fressen". Die EZB dürfte bei einem nachhaltigen Preisdruck über 100 Dollar schneller die Zinsen erhöhen als noch 2022, um die Inflation von drei bis vier Prozent im Euroraum zu bekämpfen.
Die militärische Lage bleibt unübersichtlich. US-Präsident Trump drohte am 22. Juli, für jeden iranischen Angriff auf ein Schiff "eine Brücke oder ein Kraftwerk" zu zerstören. Das US-Militär flog nach Angaben des Central Command elf Tage in Folge Operationen gegen Iran, wie die massiven Luftangriffe Anfang Juli zeigen. Die Kosten des Krieges für die USA belaufen sich nach offiziellen Angaben auf 37,5 Milliarden Dollar.
IEA-Chef Fatih Birol mahnte eine "vollständige und bedingungslose Wiedereröffnung der Straße von Hormuz" an. Sollte Iran zudem die eigene Ölexportanlage auf Kharg Island stilllegen, wäre der globale Markt endgültig überfordert: "Die Welt kann es sich schlicht nicht leisten, weitere 2,6 Millionen Barrel iranischer Produktion zu verlieren", warnte Energieexperte Eric Nuttall. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Doppelblockade Bestand hat – und ob die Märkte auf 150 Dollar zusteuern.





