Die AfD steht in Sachsen-Anhalt unmittelbar vor der absoluten Mehrheit. Sollte die SPD an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, hat die vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei eine realistische Chance, allein die Regierung zu stellen. Das geht aus einer neuen INSA-Umfrage für den „Focus“ hervor, die am 23. Juli veröffentlicht wurde.
Demnach kommt die AfD auf 41 Prozent – unverändert gegenüber der letzten Erhebung von Anfang Juli. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze verbessert sich leicht auf 24 Prozent (+1), die Linke auf 14 Prozent (+1). Die SPD büßt einen Punkt ein und liegt nur noch bei 5 Prozent. BSW (4), FDP (4) und Grüne (4) würden den Einzug in den Landtag klar verpassen. Befragt wurden zwischen dem 14. und 21. Juli 1.000 Wahlberechtigte online; die Fehlertoleranz beträgt ±1,5 bis 3 Prozentpunkte.
Absolute Mehrheit realistisch – wenn die SPD scheitert
INSA-Chef Hermann Binkert rechnet vor, dass für parlamentarische Mehrheiten mehr als 42 Prozent nötig seien. Genau diese Schwelle könnte die AfD überspringen, falls die SPD den Wiedereinzug nicht schafft.
„Für parlamentarische Mehrheiten sind über 42 Prozent notwendig. Falls die SPD auch noch an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, hat die AfD eine realistische Chance auf eine parlamentarische Mehrheit im Landtag von Sachsen-Anhalt.“
Die amtierende Kenia-Koalition aus CDU, SPD und FDP käme gemeinsam nur noch auf 33 Prozent. Da die CDU sowohl eine Koalition mit der AfD als auch mit der Linken per Unvereinbarkeitsbeschluss ausschließt, bliebe als einzige Alternative eine CDU-geführte Minderheitsregierung, die auf Tolerierung der Linken angewiesen wäre. Bundesweit fällt die Union derweil auf neue Tiefstwerte.
„Zieht neben der SPD auch eine der drei derzeitigen Vier-Prozent-Parteien (Grüne, FDP, BSW) in den Landtag ein, wird es für die AfD kaum möglich sein, alleine auf eine parlamentarische Mehrheit zu kommen.“
Brandmauer bröckelt – Bevölkerung für Kooperation mit der AfD
Die Zusatzfragen des „Focus“ offenbaren eine tiefe Kluft zwischen Parteitaktik und Wählerwillen. Eine relative Mehrheit von 43 Prozent befürwortet, dass die CDU bei einzelnen Sachfragen Mehrheiten gemeinsam mit der AfD bildet. 37 Prozent wünschen sich eine von der AfD geführte Regierung, nur 27 Prozent eine CDU-geführte. Unter den über 70-Jährigen dreht sich das Bild: 44 Prozent wollen noch eine CDU-Regierung.
Selbst eine Abspaltung der CDU zugunsten eines AfD-Ministerpräsidenten finden 28 Prozent gut – unter CDU-Wählern sind es immerhin 16 Prozent. Gleichzeitig lehnen 46 Prozent einen grundsätzlichen Ausschluss der Zusammenarbeit mit der Linken ab. Die Diskussion über die Brandmauer ist längst ein bundesweiter Konflikt.
Vertrauensdefizit für alle Spitzenkandidaten
Dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund trauen 53 Prozent der Befragten nicht zu, die Probleme des Landes zu lösen – nur 38 Prozent äußern Vertrauen. Noch schlechter schneidet Amtsinhaber Sven Schulze ab: 63 Prozent misstrauen ihm, nur ein Viertel gibt positive Bewertungen ab.
Die Landtagswahl am 6. September 2026 findet in einem aufgeheizten Klima statt. Die AfD hat erst vor wenigen Wochen ein „100-Tage-Programm“ mit Abschiebungen, Kündigung des Medienstaatsvertrags und Streichung von NGO-Finanzierungen verabschiedet. Der Landtag wiederum versuchte Ende April mit einem Gesetzespaket, den Einfluss einer künftigen AfD-Regierung auf Landesinstitutionen zu beschneiden. Wirtschaftsverbände und das DIW warnen vor verheerenden wirtschaftlichen Folgen eines AfD-Regierungseintritts. Ob die demoskopischen Warnzeichen die Wähler noch umstimmen, werden die nächsten sechs Wochen zeigen.





