Sechs Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD in Umfragen einen Rekordwert von 41 Prozent erreicht. Scheitern SPD und Grüne an der Fünf-Prozent-Hürde, könnte die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei mit knapp 40 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit der Sitze im Landtag erringen – und das, obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung demokratisch wählen will. Eine neue überparteiliche Initiative will das verhindern: Die Kampagne „Taktisch Wählen 2026“ setzt auf ein datenbasiertes Online-Tool, das Wählern strategische Empfehlungen für Erst- und Zweitstimme gibt.
Auf der Website taktisch-waehlen.de können Bürger ihre Postleitzahl eingeben. Das Tool gleicht diese mit aktuellen Umfragedaten und früheren Wahlergebnissen ab und zeigt an, welcher Kandidat beziehungsweise welche Partei im jeweiligen Wahlkreis die aussichtsreichste demokratische Alternative zur AfD ist. Ziel ist es, Stimmen für Kleinparteien unterhalb der Sperrklausel zu vermeiden und demokratische Stimmen hinter den chancenreichsten Oppositionskandidaten zu bündeln.
Wer empfohlen wird – und wer nicht
Das Tool spricht gezielte Empfehlungen für SPD und Grüne aus, da beide Parteien in aktuellen Umfragen an der Fünf-Prozent-Hürde kratzen beziehungsweise darunter liegen. Für FDP und BSW gibt es dagegen keine Empfehlung. Die Initiative begründet dies so: „Beide Parteien könnten im Landtag eine Regierung mit der AfD bilden, einen AfD-Ministerpräsidenten wählen und AfD-Gesetze unterstützen. Das Ziel von Taktisch Wählen ist es, sichere demokratische Mehrheiten zu schaffen.“ Damit schließt die Kampagne jene Parteien aus, die eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht verlässlich ausschließen.
Mathematisch ist der Hebel groß: Durch das Hare/Niemeyer-Verfahren verfallen Stimmen für scheiternde Parteien, was den Einzug anderer Parteien in den Landtag erleichtert. Schaffen es SPD und Grüne nicht über fünf Prozent, könnte die AfD bereits mit gut 40 Prozent der Wählerstimmen über die Hälfte der Mandate verfügen. Umweltökonom Bartosz Bartkowski von der Universität Halle hatte dies im Mai in einem viel beachteten Blogbeitrag detailliert durchgerechnet.
Die Umfrage-Ausgangslage
Laut der jüngsten INSA-Erhebung im Auftrag von „Focus Online“ (Befragungszeitraum 14. bis 21. Juli) liegt die AfD bei 41 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze bei 24 Prozent, die Linke bei 14 Prozent. Die SPD erreicht 5 Prozent, Grüne, FDP und BSW liegen jeweils bei 4 Prozent. Das bedeutet: Sollte die SPD die Hürde verpassen und die drei anderen Kleinparteien ebenfalls scheitern, könnten mehr als 15 Prozent der abgegebenen Stimmen unberücksichtigt bleiben – mit der Folge, dass die AfD von der Sitzverteilung überproportional profitiert.
„In wenigen Wochen könnte die rechtsextreme AfD in Sachsen-Anhalt allein die Regierung stellen – und das, obwohl die Mehrheit der Menschen hier demokratisch wählen will.“
Die treibende Kraft dahinter
Hinter der Kampagne steht die Berliner Organisation „The Goodforces“, eine 2024 von Peter Jelinek gegründete GmbH, die sich selbst als „politische Diskursmacher*innen“ bezeichnet und progressives Campaigning betreibt. The Goodforces führte bereits ähnliche Kampagnen zu den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg durch. Sprecherin der Initiative ist Luise Band.
Das Team kündigt an, bis zur Wahl an den Wochenenden „an den Haustüren in Halle, Magdeburg und im ganzen Land“ für die Strategie zu werben und die Mobilisierung über soziale Medien zu verstärken.
„Wir wollen demokratische Stimmen mobilisieren und so die rechtsextreme AfD stoppen!“
Die politische Konstellation
Bei der Landtagswahl am 6. September sind rund 1,7 Millionen Menschen wahlberechtigt. Insgesamt treten 20 Parteien an. Die CDU regiert derzeit in einer „Deutschland-Koalition“ mit SPD und FDP unter Ministerpräsident Sven Schulze, der Reiner Haseloff im Januar abgelöst hat. Neben Schulze stehen unter anderem Ulrich Siegmund (AfD), Eva von Angern (Linke), Armin Willingmann (SPD) und Lydia Hüskens (FDP) auf den Spitzenplätzen. Die Sitzverteilung nach Hare/Niemeyer macht taktisches Wählen besonders wirkungsvoll: Jede Partei, die den Sprung in den Landtag schafft, rückt die AfD weiter von der absoluten Mehrheit ab.
Ob die Kampagne genügend Wähler überzeugen kann, ist offen. Bei der letzten Wahl 2021 lag die CDU noch 17 Prozentpunkte vor der AfD. Ein ähnlicher Last-Minute-Umschwung wird dieses Mal bezweifelt, zumal Haseloffs Amtsbonus fehlt. Die Initiatoren setzen auf die Kraft der Daten und den direkten Kontakt an der Haustür, um die demokratische Mehrheit zu bündeln – gegen eine Partei, die den Landtag von innen heraus verändern könnte.





