Eine Frau tot, 29 Menschen verletzt – die Berliner CSD-Gemeinde kommt zur Gedenkfeier am Brandenburger Tor zusammen. Doch was als Moment der Trauer und Solidarität gedacht war, kippt, als die Rapperin Nyya ans Mikrofon tritt.
Am Abend zuvor war ein 21-jähriger Islamist mit einem Van in die CSD-Menge am Tiergarten gerast. Die Mutter einer polnischen Familie starb, 29 Personen wurden teils schwer verletzt. Der Täter, Abdul B., ein deutsch-libanesischer Staatsbürger, wurde noch in der Nacht von Spezialkräften in einer Spandauer Gartenlaube gestellt und erschossen. Bereits im Mai 2026 war er wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden – ein Umstand, der die Sicherheitsdebatte neu entfacht. Der islamistische Anschlag auf den Berliner CSD und die Erschießung des Täters haben tiefe Wunden hinterlassen.
„Hoffentlich ist es kein Kanake“
Nyya, die sich als intersektionale Künstlerin beschreibt, betritt am Sonntag die Bühne. In ihrer Rede sagt sie:
„Was auch für mich schockierend war, es war das erste, an das ich gedacht hab, war: Hoffentlich ist es kein Kanake, hoffentlich ist es eine weiße christliche Person. Aber das wars nicht.“
Im Livestream der Veranstaltung ist nach diesem Satz ein kurzer Lacher und ein zustimmendes „Ja“ aus dem Publikum zu vernehmen. Nyya fährt fort: „Und da zeigt sich wieder Intersektionalität. Wir kämpfen nicht alle die gleichen Kämpfe, aber wir sind füreinander da an Momenten wie diesen.“ Die Worte der Rapperin, die sich sonst gegen Rassismus positioniert, lösen Fassungslosigkeit aus – ausgerechnet das rassistische Schimpfwort „Kanake“ zu gebrauchen, um ihr Bedauern über die Täteridentität auszudrücken, trifft einen wunden Punkt.
Shitstorm und prominente Kritik
Ein Video der Rede verbreitet sich binnen Stunden auf X. Der Kolumnist Julian Adrat postet den Ausschnitt, versehen mit dem Kommentar: „Junge Sängerin lässt auf der Gedenkfeier zum islamistischen Anschlag auf den CSD die Maske fallen: sie habe gehofft, dass es ‚kein Kanake, sondern eine christliche(!), weiße Person‘ war.“ Der Clip erreicht über 3,9 Millionen Views und zehntausendfach Likes. Die Empörung ist gewaltig. Der frühere ZDF-Korrespondent Thorsten Alsleben kommentiert sarkastisch: „Linksaktivisten so: ‚Fuck…, der Täter gegen uns war ja einer von uns! Warum konnte er kein christlicher Weißer sein?‘ (Publikum: Haha).“ Noch härter fällt die Reaktion von Ulf Poschardt aus. Der frühere Welt-Chefredakteur und heutige Herausgeber schrieb auf X:
„der eigentliche witz ist, dass solche pfeif:innen den säkular heiligen ort der berliner republik bekommen für ihren müll. das ist der eigentlich der rhetorische schrott für den zweiten rotrotgrünen hinterhof in neukölln“
Der Vorfall wirft Fragen nach der Auswahl der Redner bei der offiziellen Gedenkveranstaltung auf. Unklar bleibt, ob Nyya eingeladen war oder sich spontan auf die Bühne stellte. Die Veranstalter haben sich bislang nicht geäußert.
Nyya geht offline – Pantisano sorgt für Parallel-Ärger
Nyya selbst hat ihr Instagram-Profil nach der Kontroverse auf „privat“ gestellt. Die bis dahin kaum bekannte Rapperin, die auf ihrer Seite mit freizügigen Fotos und provokanten Texten auffiel, schweigt zu den Vorwürfen. Für zusätzlichen Diskussionsstoff sorgte indes der Queerbeauftragte der Berliner SPD, Alfonso Pantisano. In einer Sendung des rbb24 wurde er mit einer früheren Aussage konfrontiert, wonach die LGBTQ-Community „vor allem von konservativen Kräften, von Rechtsextremen, von Neo-Nazis“ angegriffen werde. Auf die Frage, ob er das nach dem islamistischen Anschlag immer noch so sage, antwortete Pantisano:
„Ja, weil ich unter ‚konservativen Kräften‘ alle religiösen Gruppen mit dazu zähle, die alle ein Problem mit uns haben. Islamisten gehören da dazu.“
Die Gleichsetzung von Islamisten und Konservativen erntete massive Kritik. Die Debatte zeigt, wie sehr der Anschlag die politische Linke und ihre Identitätspolitik in Erklärungsnot bringt. Während die Trauer um die Opfer anhält, offenbart der Eklat um Nyya und die Worte Pantisanos tiefe Risse in der deutschen Debattenkultur. Von der Bundesregierung ist zu hören, dass Kanzler Friedrich Merz die Tat als „abscheulichen Angriff auf unsere Gesellschaft“ verurteilt habe. Ob die Gedenkfeier Konsequenzen für die Auswahl künftiger Redner haben wird, ist offen.





