Die Europäische Union steht vor einer Zerreißprobe: Nach dem tödlichen Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta mit mindestens 67 Toten haben sich 22 EU-Regierungschefs in einem offenen Brief gegen die Regierung von Pedro Sánchez gestellt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist unter den Unterzeichnern.
Am 30. Juli 2026 gelangten innerhalb von 24 Stunden zwischen 50.000 und 60.000 Migranten von Marokko aus auf die nur 18,5 Quadratkilometer kleine Halbinsel – ein Ansturm, der etwa 70 Prozent der regulären Einwohnerschaft entsprach, wie JUX berichtete. Die Menschen kamen auf dem Land- und Seeweg, die spanischen Behörden waren überfordert.
Mindestens 67 Migranten kamen ums Leben, die meisten ertranken beim Versuch, schwimmend nach Ceuta zu gelangen, wie die Süddeutsche Zeitung meldete. Weitere Todesopfer gab es bei einer Massenpanik am Wellenbrecher des Strandes von Tarajal, so Rachid Sbihi von der Gewerkschaft der Guardia Civil.
Marokkos Rolle wird angezweifelt
In Spanien wuchs der Verdacht, dass Marokko den Ansturm bewusst zugelassen oder gefördert hat. Zeugen berichteten, marokkanische Grenzpolizisten hätten sich zurückgezogen und Migranten den Weg gewiesen. Youssef Alaoui, ein 26-jähriger Migrant, sagte der „New York Times„: „Sie sagten immer nur: ‚Geht dort entlang, geht dort entlang.‘“
Erst am Abend griffen marokkanische Behörden mit Tränengas ein. Politiker in Madrid deuteten an, dass die Krise möglicherweise im Zusammenhang mit dem kurz zuvor erfolgten Besuch von Sánchez in Algerien stehe – jede Annäherung an das Nachbarland wird in Marokko misstrauisch beäugt.
Spanien sendet Militär und holt Migranten zurück
Spaniens Regierung reagierte mit der Entsendung von 60 Soldaten und 200 Spezialkräften der Polizei nach Ceuta. Ministerpräsident Sánchez besuchte die Exklave am 31. Juli und nannte den Massenansturm einen „Angriff auf die territoriale Integrität Spaniens".
„Was gestern geschehen ist, war ein Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens.“
Bis Freitagabend waren nahezu alle Ankömmlinge wieder nach Marokko zurückgekehrt – 48.300 freiwillig, wie Außenminister José Manuel Albares mitteilte. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte, dass keine Person das EU-Festland erreicht habe.
Offener Brief von 22 EU-Chefs bringt Konflikt auf die Spitze
Am Samstag, dem 1. August, veröffentlichten 22 europäische Staats- und Regierungschefs einen offenen Brief an EU-Ratspräsident António Costa und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Initiiert von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen, kritisieren sie darin die spanische Migrationspolitik scharf, wie der Tagesspiegel berichtet. Sánchez, der sich zuletzt gemeinsam mit Frankreichs Präsident Macron gegen geplante Abschiebezentren in Drittstaaten gestellt hatte, steht nun einer breiten Front gegenüber – neben Bundeskanzler Merz unterzeichneten auch die Regierungschefs von Schweden, Finnland, Österreich und Tschechien. Frankreich, Luxemburg und Portugal zählen nicht zu den Unterzeichnern.
Der Brief nimmt Bezug auf zwei spanische Entscheidungen: die geplante Legalisierung von rund 500.000 irregulären Migranten und das Urteil des Obersten Gerichtshofs, das Rückführungen auf dem Seeweg einschränkt. Beides habe dazu beigetragen, den Massenansturm auszulösen und das Migrationssystem zu missbrauchen.
„Wir können nicht zulassen, dass unkontrollierte Massenübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck entstehen lassen, dass eine illegale Einreise in die Europäische Union möglich ist.“
Sánchez reagierte verärgert und warf den Absendern in einem Brief an Irlands Regierungschef Micheál Martin „egoistische, spaltende und rechtswidrige" Reaktionen vor. Er rief dazu auf, Europa nicht zu spalten. In einem Statement auf X betonte er:
„Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig. Die Achtung der europäischen Verträge ist es jedoch nicht.“
Schengen-Streit und nationale Maßnahmen
Während Italien das Schengen-Abkommen mit Spanien für einen Monat aussetzte und Kontrollen einführte, schlossen sich Dänemark, Schweden und andere der Forderung an. Frankreichs Präsident Macron ließ die Grenzen zu Spanien verstärkt überwachen. Die Bundesregierung forderte Spanien auf, Migranten nicht auf den Kontinent zu lassen, und verlängerte die deutschen Grenzkontrollen bis September.
Der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil stellte sich hinter Sánchez und warnte vor einer Spaltung Europas. EVP-Chef Manfred Weber (CSU) forderte dagegen mehr Frontex-Befugnisse: „Wenn eine linke Regierung in Spanien nicht willens ist, die Außengrenze zu sichern, dann muss Frontex auch Kommandogewalt bekommen."
Deutschland im Wahlkampf: Druck auf Merz
Die Krise fällt mitten in den Landtagswahlkampf. Während die SPD auf europäische Solidarität pocht, nutzt die Union die Vorlage für eine schärfere Migrationspolitik. Die FDP verlangt von Spanien einen besseren Grenzschutz als Voraussetzung für Schengen. EU-Vizeparlamentspräsidentin Katarina Barley (SPD) mahnte, die EU müsse geschlossen hinter Spanien stehen, weil Migration möglicherweise strategisch als Druckmittel eingesetzt werde.
Chronologie der Eskalation
Von der Gerichtsentscheidung zum offenen Brief
- 29.06.2026Gerichtsurteil
Spanischer Oberster Gerichtshof entscheidet gegen sofortige Zurückweisung von Migranten auf dem Seeweg.
- 30.07.2026Massenansturm
Bis zu 60.000 Menschen überqueren die Grenze nach Ceuta; mindestens 67 sterben.
- 31.07.2026Sánchez vor Ort
Spanien schickt Militär; Sánchez besucht Ceuta und spricht von einem Angriff. Italien setzt Schengen mit Spanien aus.
- 01.08.2026Offener Brief
22 EU-Chefs veröffentlichen Brief mit scharfer Kritik. Sánchez wehrt sich; EU-Innenminister-Sondersitzung für 4. August angesetzt.





