Eklat beim Gelöbnis: Schriftsteller Kermani ruft Rekruten zur Befehlsverweigerung auf
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Bundeswehr

Eklat beim Gelöbnis: Schriftsteller Kermani ruft Rekruten zur Befehlsverweigerung auf

Mit deutlichen Worten hat Navid Kermani beim Feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr die Rekruten aufgefordert, Befehle zu verweigern, sollte Deutschland in einen völkerrechtswidrigen Krieg ziehen. Verteidigungsminister Pistorius war anwesend und schwieg.

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Ein Feiertag des Widerstands wird zur politischen Kampfansage

Am Montag, dem 20. Juli 2026, legten im Berliner Bendlerblock rund 230 bis 240 Rekrutinnen und Rekruten der Bundeswehr ihr feierliches Gelöbnis ab. Darunter erstmals auch Soldaten des neu eingeführten neuen Wehrdienstes, mit dem die Wehrerfassung in diesem Jahr reaktiviert wurde. Der Ort und das Datum waren bewusst gewählt: Am 82. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats von 1944 sollte der Eid im Bendlerblock ein Zeichen für Verantwortung und Gewissen setzen.

Doch der vom Verteidigungsministerium geladene Ehrengast nutzte die Bühne für eine Rede, die weit über eine historische Einordnung hinausging. Der Kölner Schriftsteller und Orientalist Dr. Navid Kermani – vom BMVg als „einer der bedeutendsten deutschen Intellektuellen der Gegenwart“ angekündigt – verband den Appell an das Gewissen mit einer harschen politischen Forderung und einem direkten Frontalangriff auf den Bundeskanzler.

Sollte eine Bundesregierung Sie in einen offenkundig völkerrechtswidrigen Krieg führen wollen, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.
Navid Kermani, Schriftsteller und Publizist

Kermani erinnerte zunächst daran, dass die Männer des 20. Juli in der jungen Bundesrepublik noch als Verräter galten und dass Verteidigungsminister Rudolf Scharping den Gelöbnistag erst 1999 auf dieses Datum legte. Dann zog er die Linie ins Heute: In einer Demokratie genüge das individuelle Gewissen nicht – es brauche das „objektive Korrektiv“ des Grundgesetzes.

Das Grundgesetz steht über jedem Befehl.
Navid Kermani, Schriftsteller und Publizist

Wenige Sätze später verließ Kermani den abstrakten Raum. Er sprach von künftigen Auslandseinsätzen und griff direkt das aktuelle Konfliktgeschehen auf: Der „völkerrechtswidrige und auch politisch desaströse jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran“ sei ein Fall, in dem keine ernstzunehmende Stimme mehr den Völkerrechtsbruch bestreite. In einem solchen Fall werde die Befehlsverweigerung zur Pflicht.

Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden, wo es ihm politisch opportun erscheint.
Navid Kermani, Schriftsteller und Publizist

Damit nahm Kermani direkt Friedrich Merz ins Visier. Der Vorwurf: Der Regierungschef höhle das Völkerrecht aus politischem Kalkül aus. Kermani warnte, wenn die Herrschaft des Rechts in den Außenbeziehungen erodiere, werde sie bald auch im Innern verächtlich gemacht.

Pistorius schwieg, die Öffentlichkeit streitet

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), Generalinspekteur Carsten Breuer und Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz wohnten der Rede bei. Pistorius selbst betonte in seiner Ansprache, dass „militärische Professionalität und ethische Verantwortung untrennbar miteinander verbunden“ seien. Eine direkte Distanzierung von Kermani blieb jedoch aus – auch seitens des Kanzleramtes gab es zunächst keine Reaktion.

Militärische Professionalität und ethische Verantwortung sind und bleiben untrennbar miteinander verbunden.
Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung (SPD)

Ein Bericht von Kettner Edelmetalle sprach von einem „Eklat im Bendlerblock“ und kritisierte, das Ministerium habe seinen Hauptredner offenbar nach Feuilleton-Ranking ausgewählt, ohne die Rede vorab zu prüfen. Das Sonntagsblatt hingegen verteidigte Kermani: Die Rede sei „eine Zumutung im besten Sinne“ und eine Erinnerung daran, dass Demokratie nicht von Beifall lebe.

In den sozialen Medien wurde die Rede vielfach geteilt und heftig diskutiert. Zustimmung („mutig“) und Ablehnung („Braucht er demnächst einen Bademantel?“) hielten sich die Waage. Die Debatte zeigt, wie tief die Verunsicherung über die Rolle der Bundeswehr und die Bindung an das Völkerrecht in Teilen der Gesellschaft reicht – auch vor dem Hintergrund der steigenden Kriegsdienstverweigerungen in diesem Jahr.

Rechtlicher und historischer Kontext

Rechtlich bewegt sich Kermanis Appell auf einem schmalen Grat. Das Soldatengesetz verbietet die Ausführung verbrecherischer Befehle, und die „Innere Führung“ verpflichtet Soldaten zur Prüfung der Rechtmäßigkeit. Der 20. Juli als Tag des Gelöbnisses unterstreicht diese Tradition. Dennoch wirft die Rede die Frage auf, ob ein Aufruf zur Befehlsverweigerung vor Rekruten, die gerade erst ihren Dienst antreten, der angemessene Ton für eine Feierstunde ist – oder ob genau darin der Sinn des Datums liegt.

Chronologie des Gelöbnis-Eklats

  1. 1999
    20. Juli wird Gelöbnistag

    Verteidigungsminister Rudolf Scharping legt den 20. Juli als Datum für das Feierliche Gelöbnis der Bundeswehr fest.

  2. 13. Juli 2026
    BMVg lädt Kermani ein

    Das Verteidigungsministerium kündigt das Gelöbnis für den 20. Juli an und benennt Navid Kermani als Festredner.

  3. 20. Juli 2026
    Kermani hält kontroverse Rede

    Vor rund 230 Rekruten, Verteidigungsminister Pistorius und Generalinspekteur Breuer ruft Kermani zur Befehlsverweigerung in völkerrechtswidrigen Kriegen auf und greift Kanzler Merz an.

  4. 22. Juli 2026
    FAZ dokumentiert Rede

    Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht Kermanis Rede im Wortlaut unter dem Titel „Dieser Tag lehrt Sie, Nein zu sagen“.

  5. 29. Juli 2026
    Debatte weitet sich aus

    Kölner Stadt-Anzeiger, Kettner Edelmetalle und andere berichten ausführlich; die sozialen Medien diskutieren kontrovers.

Offen bleibt, ob Kanzler Merz oder das Verteidigungsministerium noch auf die Rede reagieren werden. Für die frisch vereidigten Rekruten dürfte der Tag so oder so unvergessen bleiben – als eine direkte Konfrontation mit den härtesten Fragen, die ihr neuer Beruf aufwirft.

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