Die CDU steht nach den Worten von FDP-Chef Wolfgang Kubicki unmittelbar vor einer Revolte gegen ihren Vorsitzenden und Bundeskanzler Friedrich Merz. „Ich höre aus der Union, dass die Leute kurz vor der Revolution sind“, sagt der 74-Jährige in einem am Montag veröffentlichten Interview der „taz“. Kubicki, der die Liberalen seit Ende Mai 2026 führt, rechnet in dem Gespräch schonungslos mit Merz ab.
Er selbst habe sich in Merz getäuscht, so Kubicki. Dessen erste Reden nach der Amtsübernahme hätten Hoffnung auf einen wirtschaftsfreundlichen Kurs gemacht – „die deutsche Wirtschaft klatscht, wir von der FDP klatschen“. Doch die tatsächliche Politik sei das genaue Gegenteil. „Das ist etwas, womit die Union schwer fertig werden wird“, zitiert die taz den FDP-Vorsitzenden.
„Ich höre aus der Union, dass die Leute kurz vor der Revolution sind. Auch ich habe mich in der Person Merz getäuscht.“
Als Beleg für den Autoritätsverlust des Kanzlers verweist Kubicki auf eine denkwürdige Szene im CDU-Bundesvorstand. Der Bremer Landeschef Heiko Strohmann habe Merz dort offen kritisiert – und niemand sei ihm beigesprungen. „Wenn mir das passieren würde und keiner würde mich verteidigen, müsste ich nachdenken, ob ich noch die Führungskraft bin, als die ich gewählt wurde.“
Merz habe sich zudem als „ziemlich dünnhäutig“ erwiesen. Der Kanzler hatte sich kürzlich über massive Anfeindungen im Netz beklagt und gesagt, kein Kanzler vor ihm habe so etwas ertragen müssen. Kubicki kontert: „Wer in die Küche kommt, muss mit Hitze umgehen können. Und wer in die Politik geht, muss damit umgehen können, dass er unter Beobachtung steht und kritisiert wird.“
Die Eskalation zwischen Kubicki und Merz
- Juli 2024Geheimes Ampel-Treffen
Laut Kubicki treffen sich SPD- und Grünen-Vertreter im Kanzleramt, um über ein mögliches Ende der Koalition zu sprechen.
- Februar 2025FDP fliegt aus dem Bundestag
Die Liberalen scheitern bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde.
- Mai 2026Kubicki übernimmt FDP-Vorsitz
Nach dem Rücktritt von Christian Dürr wird Kubicki zum neuen Bundesvorsitzenden gewählt.
- 28. Juli 2026Kubicki fordert Vertrauensfrage
Er nennt Merz einen „Kanzler ohne politische Autorität“ und verlangt eine Vertrauensfrage.
- Juli 2026Kabinettsumbildung nach Spahn-Rücktritt
Jens Spahn tritt als Fraktionschef zurück. Merz entlässt Minister telefonisch im Urlaub und leitet eine umstrittene Umbildung ein.
- 2. August 2026Stilkritik in der Rheinischen Post
Kubicki wirft Merz vor, er habe „die Stilfrage komplett vergeigt“. Die Entlassungen per Telefon seien stillos.
- 3. August 2026taz-Interview mit Revolutionswarnung
Kubicki sagt: „Ich höre aus der Union, dass die Leute kurz vor der Revolution sind“ und nennt Merz dünnhäutig.
Stillos und dünnhäutig: Die Stilkritik am Kanzler
Kubicki legt in dem Interview den Finger in die Wunde der umstrittenen Kabinettsumbildung, die Merz nach dem erzwungenen Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn eingeleitet hatte. Dass der Kanzler Betroffene per Telefonanruf im Urlaub von ihrer Entlassung informiert habe, sei „an Stillosigkeit kaum zu überbieten“.
„Die Stilfrage ist gerade bei Bürgerlichen eine sehr wichtige. Und die hat Friedrich Merz komplett vergeigt.“
Parteien seien keine Unternehmen und Deutschland keine Aktiengesellschaft, fügt Kubicki hinzu. „Solche Ideen haben sich schon in der Vergangenheit nicht bewährt.“
Keine Alleinschuld der FDP am Ampel-Aus
Kubicki widerspricht zudem der Darstellung, allein die FDP habe das Ende der Ampel-Koalition betrieben. Die Debatte über den sogenannten „D-Day“-Plan der Liberalen greife zu kurz. Auch SPD und Grüne hätten das Bündnis bereits vorbereitet, ohne es so zu nennen. Konkret verweist er auf ein separates Treffen von Vertretern beider Parteien im Juli 2024 im Kanzleramt, bei dem über ein mögliches Ende der Koalition gesprochen worden sei.
„So schlecht waren wir doch nicht, schreiben mir Grüne und SPD-Kollegen manchmal.“
Er bekomme inzwischen häufig Nachrichten von Grünen- und SPD-Kollegen mit dem Tenor: „So schlecht waren wir doch nicht“ – seine Sehnsucht nach einer Wiederholung der Ampel-Zeit sei aber begrenzt.
Warnung vor pauschaler AfD-Verurteilung
Mit Blick auf die AfD warnt Kubicki davor, deren Wähler pauschal als Rechtsradikale abzustempeln. „Da gibt es eine Menge schlimme Typen, definitiv. Aber bei vielen Wählern ist es pure Verzweiflung“, weil die Politik ihre Problemlösungskompetenz verloren habe.
Besonders scharf greift er die Grünen in Sachsen-Anhalt an: Diese versuchten mit „taktischen Manövern zu erklären, sie müssten in den Landtag, damit eine AfD-Mehrheit verhindert wird. Erbärmlicher geht es ja nicht“.
FDP hofft auf Comeback bei Landtagswahlen
Trotz anhaltend schwacher Umfragewerte – die FDP war bei der Bundestagswahl 2025 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert – zeigt sich Kubicki optimistisch. Seit seiner Wahl zum Parteivorsitzenden sei in der FDP wieder Ruhe eingekehrt. Der Wiederaufstieg sei „mittelfristig nicht aufzuhalten“, zitiert ihn die FDP. Aktuelle Umfragen sehen die Partei bei bis zu 5,5 Prozent.
Rund 1,2 Millionen Wähler habe die FDP damals zugunsten der Union verlassen – diese sähen sich nun von Merz enttäuscht. Besonders für die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sieht Kubicki Chancen: „Hier haben wir eine realistische Chance, wieder in den Landtag zu kommen.“
Auf Merz' Aussage nach der Wahl in Baden-Württemberg, die FDP sei tot, kontert Kubicki lapidar: „Wie Sie sehen, lebe ich.“
