Der nette Herr Loth: Wie der erste hauptamtliche AfD-Bürgermeister seine Stadt regiert
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Raguhn-Jeßnitz

Der nette Herr Loth: Wie der erste hauptamtliche AfD-Bürgermeister seine Stadt regiert

Fast drei Jahre nach der Wahl des ersten hauptamtlichen AfD-Bürgermeisters Deutschlands zieht der SPIEGEL eine überraschende Bilanz: Hannes Loth regiert pragmatisch, ist beliebt – und treibt sogar die Energiewende voran. Das Magazin wittert eine Strategie.

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Knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt ist die Bilanz überraschend: Hannes Loth, der erste hauptamtliche AfD-Bürgermeister Deutschlands, regiert die Kleinstadt Raguhn-Jeßnitz in Sachsen-Anhalt ohne Skandale. Er ist ansprechbar, kümmert sich um Trampoline und Gelbe Säcke – und treibt sogar gegen die Parteilinie die Energiewende voran. Der SPIEGEL hat in seiner Ausgabe 32/2026 eine Langzeitbeobachtung veröffentlicht und zieht eine in weiten Teilen positive Bilanz – und warnt zugleich vor einer perfiden Strategie.

Der 1981 geborene Landwirt und ehemalige Landtagsabgeordnete hatte die Wahl im Juli 2023 mit 51,1 Prozent der Stimmen gegen den parteilosen Nils Naumann gewonnen. Schon kurz nach Amtsbeginn musste er ein Wahlversprechen kassieren: Statt die Kita-Gebühren zu senken, wurden sie erhöht. Doch das scheint ihm vor Ort nicht geschadet zu haben.

Ein Bürgermeister zum Anfassen

Die SPIEGEL-Reporter beschreiben einen Politiker, der im Alltag der Stadt präsent ist. Er hört Jugendlichen zu, bindet andere Fraktionen ein, organisiert Mehrheiten. Selbst politische Gegner zitieren das Magazin mit dem Satz: „Es läuft.” Loth holt Brötchen, kümmert sich um ein Trampolin für Kinder und regelt die Verteilung der Gelben Säcke.

Im Stadtrat, so betonen alle Seiten, spiele Parteipolitik keine Rolle. „Wir kennen uns auf kommunaler Ebene aus dem Leben. Wir sehen uns auch im Supermarkt, da ist halt Ausgrenzung schlecht möglich”, sagte Loth selbst auf dem 1. Kommunalpolitischen Forum der AfD im Bundestag.

Windräder statt Ideologie

Bemerkenswert ist Loths Kurs in der Energiepolitik. Während seine Partei erneuerbare Energien ablehnt und auf Kohle sowie Kernkraft setzt, treibt der Bürgermeister aktiv die Energiewende voran. Er fährt ein Elektroauto, plant eine Batteriespeicheranlage mit Umspannwerk und will sechs neue Windkrafträder errichten.

Herr Loth ist nicht einer, der mit seiner Ideologie um die Ecke kommt. Wir brauchen solche Schlüsseltechnologien in Sachsen-Anhalt, das ist wichtig.
Tilo Hörtzsch, CDU-Gemeinderat und Elektrounternehmer

Dieser pragmatische Ansatz irritiert. Während andernorts die AfD als Brandmauer gilt, scheint sie hier Teil eines konstruktiven Miteinanders zu sein – eine Entwicklung, die der SPDEGEL kritisch sieht.

Die SPIEGEL-Deutung: Strategie statt Zufall

Das Magazin interpretiert die geschilderten Alltagsszenen als strategisches „Einlullen”, mit dem die Harmlosigkeit der AfD bewiesen werden solle. Die Einbindung anderer Kräfte sei ein Versuch des „Zähmens”, und die starke Orientierung an konkreten, emotionalen Anliegen stelle „Gefühl statt Fakten” in den Vordergrund.

Einen realen demokratischen Schaden beschreibt der SPIEGEL nicht. Die Warnung bleibt grundsätzlich: Auf kommunaler Ebene gehe es um Jugendclubs und undichte Dächer, nicht um die Kontrolle von Polizei, Justiz oder Medien. Die antidemokratische Grenze – gleiche Würde und gleiche Rechte für alle – bleibe unsichtbar.

Bürgermeisterwahl Raguhn-Jeßnitz 2023

Stichwahl am 2. Juli 2023

Quelle: Gemeinde Raguhn-Jeßnitz

Während in Raguhn-Jeßnitz der Alltag überwiegt, bleibt anderswo die politische Auseinandersetzung um AfD-Bürgermeisterkandidaten hart. So schloss der Stadtwahlausschuss in Herzberg am Harz kürzlich einen AfD-Bewerber einstimmig von der Bürgermeisterwahl im September aus. Der Fall Loth zeigt: Die Normalisierung könnte schleichend erfolgen – mit einem Lächeln und einem gelben Sack.

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