Lebenserwartung längst überschritten: Wolfgang Bosbach über 16 Jahre Prostatakrebs
Der CDU-Politiker erhielt 2010 die Diagnose metastasierter Prostatakrebs – eine Prognose seiner Lebenserwartung hat er längst hinter sich gelassen. Wie er mit der Krankheit lebt, was er bereut und was ihm Kraft gibt.
Als Wolfgang Bosbach 2010 erfuhr, dass sein Prostatakrebs gestreut hat und unheilbar ist, gaben ihm die Ärzte eine Prognose über seine verbleibende Lebenszeit. 16 Jahre später sagt der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete: „Diese Prognose habe ich längst überschritten.“ Im Interview mit Focus online spricht der 74-Jährige offen über sein Leben mit dem Krebs, seine Reue und was ihm Kraft gibt.
Zufallsfund am Aschermittwoch
Entdeckt wurde der Krebs durch einen Zufall. Am Aschermittwoch 2010 musste Bosbachs Herzschrittmacher ausgetauscht werden, den er wegen einer seit 1994 bestehenden Herzmuskelschwäche trägt. Dabei fiel ein erhöhter PSA-Wert auf. „Es gab keine familiäre Vorbelastung und ich hatte keine Beschwerden, keine Schmerzen, nichts“, erinnert er sich im Gespräch mit BILD. Die Diagnose: Prostatakrebs.
Eine radikale Operation und eine anschließende Strahlentherapie sollten das Problem beseitigen. Doch dann der Schock: Nach der Bestrahlung teilten die Ärzte mit, dass der Krebs gestreut hat. Von nun an gehe es nicht mehr um Heilung, sondern um Lebensverlängerung und Lebensqualität. „Das war der eigentliche Schock“, sagt Bosbach zu Focus online.
Prognose „längst überschritten“
Bosbach, der sich selbst als „erfahrenen Patienten“ bezeichnet, nimmt jeden Tag viele Medikamente, unterzieht sich einer Hormonentzugstherapie und zusätzlichen Eingriffen. Zuletzt wurde eine Metastase mit dem hochpräzisen „Cyber Knife“ bestrahlt – einem robotergestützten System, das ohne Narkose und Schnitte arbeitet. Seine Ernährung hat er umgestellt: weniger Zucker, mehr Obst und Gemüse, mediterrane Kost.
„Nach der Operation und der Strahlentherapie war klar, dass der Krebs gestreut hatte. Dann hat man mir eine ungefähre Prognose meiner Lebenserwartung gestellt – auch vor dem Hintergrund meiner Herzschwäche. Ich kann sagen: Diese Prognose habe ich längst überschritten.“
Wolfgang Bosbach, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter
Auf die Frage, wie es ihm heute gehe, zeigt sich Bosbach optimistisch: „Nicht so gut, wie ich es mir wünschen würde. Aber besser, als es sein könnte“, sagte er zu BILD. Sein Motto: „Verzweifle nie an Dingen, die du nicht ändern kannst.“
Warum er nie zur Vorsorge ging
Bosbach bereut heute zutiefst, nie zur Vorsorge gegangen zu sein. „Wäre ich doch zur Vorsorge gegangen. Dabei wäre der Krebs höchstwahrscheinlich viel früher entdeckt worden – mit allerbesten Heilungschancen“, klagt er. Er glaubt, dass Frauen gesundheitlich vernünftiger sind: „Wir Männer legen uns meistens zwei Ausreden parat: ‚Mir fehlt doch nichts‘ und ‚Ich habe gerade keine Zeit‘. Ich war leider keine Ausnahme – und bereue das natürlich.“
Sein Appell an alle Männer: Zur Früherkennung gehen, statt zu googeln. „Ich sage ausdrücklich nicht: Googeln Sie. Damit fängt das Unglück oft erst an“, warnt er. Nur rund 23 Prozent der Männer ab 45 gingen 2024 zur Früherkennung, wie aus Daten der Barmer hervorgeht – dabei erkrankt jeder siebte Mann im Laufe seines Lebens an Prostatakrebs.
Umfrage
Lädt
Die vielen Gesichter des Kampfes
Trotz aller Widrigkeiten genießt Bosbach das Leben. Er reist mit seiner Frau und Freunden um die Welt – Vietnam, Südafrika und Australien standen auf seiner Liste. Besonders das Großvater-Sein gibt ihm Kraft: „Es hätte mich wirklich getroffen, wenn ich meine Enkel nicht mehr erlebt hätte. Sie zeigen einem auch: Das Leben geht weiter“, sagte er Focus online.
Mit seiner Familie spricht er allerdings kaum über die Krankheit, um sie nicht zu belasten. „Meine Devise lautet: Wenn es etwas Neues gibt, sage ich Bescheid. Ich möchte nicht, dass meine Familie damit belastet wird. Sie sollen auch nicht nachfragen. Das wissen alle.“
Wolfgang Bosbachs Gesundheitsweg
1994
Diagnose Herzmuskelschwäche
Bosbach leidet seit 1994 unter einer Herzmuskelschwäche und trägt seit 2004 einen Herzschrittmacher mit Defibrillator.
17. Februar 2010
Zufällige Entdeckung
Beim Austausch des Herzschrittmachers wird ein erhöhter PSA-Wert festgestellt. Bosbach verspürt keine Beschwerden.
2010
Krebsdiagnose und Operation
Prostatakrebs wird diagnostiziert. Bosbach unterzieht sich einer radikalen Operation und Strahlentherapie.
2010/2011
Schock: Unheilbar
Die Ärzte teilen mit, dass der Krebs gestreut hat und nur noch Lebensverlängerung möglich ist.
2017
Lungen-OP
Wegen einer Metastase wird ein Teil seiner Lunge entfernt. Bosbach zieht sich aus der aktiven Politik zurück.
2026
16 Jahre danach
Bosbach lebt weiter mit der Krankheit, unterzieht sich Cyber-Knife-Bestrahlungen und setzt auf Hormonentzugstherapie.
Alternativmedizin? „Viele Scharlatane unterwegs“
Von alternativen Heilmethoden hält Bosbach nichts. Nach seiner Diagnose meldeten sich viele selbsternannte Wunderheiler: „Bei uns stand sogar einmal ungefragt ein Wünschelrutengänger vor der Tür und wollte unser Grundstück untersuchen. Andere wollten, dass ich mein Bett in einen anderen Raum stelle. Irgendwann wurde mir das zu bunt. Ich glaube, da sind viele Scharlatane unterwegs“, so Bosbach.
Seinen Humor hat er nicht verloren. „Ohne Humor wäre ich auch in der Politik nicht weit gekommen“, sagt er. Dass ein Leben mit Krebs nicht hoffnungslos sein muss, zeigt auch das Beispiel von Thomas Gottschalk, der kürzlich seine Krebsfreiheit verkündete.