Rhein-Niedrigwasser kostet 0,4 Prozent Wachstum – Politik streitet über Rettung
Bild: KI-generiert

Rhein-Niedrigwasser kostet 0,4 Prozent Wachstum – Politik streitet über Rettung

Die anhaltende Hitzewelle treibt die Rheinpegel auf historische Tiefststände. Das Institut der deutschen Wirtschaft warnt: Die Transportausfälle könnten das Wirtschaftswachstum um 0,4 Prozentpunkte drücken und die Konjunktur abwürgen. Politiker fordern Krisenmaßnahmen, während der Kanzler unter Druck gerät.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Der Rheinpegel bei Kaub hat am 5. August 2026 ein neues Allzeittief erreicht. Mit weniger als 20 Zentimetern liegt er weit unter dem bisherigen Rekord von 25 Zentimetern aus dem Oktober 2018, wie der SWR berichtet. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung spricht von einer noch nie dagewesenen Situation; fünf Vermessungsschiffe dokumentieren die historischen Tiefstände.

Die seit Wochen andauernde Trockenheit lähmt die Binnenschifffahrt und gefährdet die Konjunktur. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt vor einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozentpunkte. Bereits jetzt drosselt ThyssenKrupp die Produktion, in Köln steht der Schiffsverkehr ganz still. Die Transportkosten explodieren, weil Frachter nur noch zu einem Fünftel beladen werden können.

Rheinpegel erreicht historische Tiefststände

In Köln fiel der Pegel am 4. August auf 69 Zentimeter, wie der WDR meldet. Für den 6. und 7. August erwartet das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt weitere Rekordtiefs in Köln, Düsseldorf, Duisburg und Emmerich. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde betont, dass derart niedrige Wasserstände normalerweise erst im Spätsommer oder Herbst auftreten – das frühe Eintreten sei eine besondere Belastung.

Pegel Kaub: Historische Tiefststände

Wasserstand in Zentimetern

Quelle: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV)

Das Frühjahr 2026 brachte nur 68 Prozent des langjährigen Niederschlags, der Juni blieb ebenfalls zu trocken. Laut Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung herrscht nahezu flächendeckend Dürre im Gesamtboden – in den Alpen mit einer Jährlichkeit von 50 Jahren. Die 17 Bilder einer FOCUS-online-Fotostrecke dokumentieren die Auswirkungen: ausgetrocknete Flüsse, verdorrte Felder, rationiertes Trinkwasser in München.

Milliardenrisiko für die Wirtschaft

Die ökonomischen Folgen sind beträchtlich. Neben dem IW schätzt Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) den Wertschöpfungsausfall auf ein bis zwei Milliarden Euro allein im dritten Quartal, wie t-online berichtet. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) beziffert den Wachstumsverlust auf rund 0,2 Prozent. Schon das Niedrigwasser 2018 hatte volkswirtschaftliche Schäden von 2,4 Milliarden Euro verursacht – bei damals höheren Pegelständen.

Ein längerer Ausfall der Schifffahrt auf dem Rhein könnte das ganz klitzekleine Pflänzchen Wirtschaftswachstum, das wir haben, komplett ersticken.
Thilo Schaefer, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Der Rhein ist das Rückgrat des deutschen Gütertransports: 80 Prozent der Binnenschifffahrt laufen über ihn. Besonders betroffen sind Chemie- und Mineralölindustrie. Ein Ausfall der Tankschiffe wäre katastrophal: Um die Transporte zu kompensieren, wären laut IW-Experte Simon Gerards Iglesias täglich 3.000 Tanklaster nötig – angesichts von Fahrermangel und maroder Infrastruktur unmöglich. Bereits Ende Juli hatte die ZTG gewarnt, dass 95 Prozent der Tankschiffe ausfallen könnten.

Politischer Streit über Krisenreaktion

Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) hat für den 6. August kurzfristig eine Fachkonferenz nach Bonn einberufen. Zuvor hatte er eine Vertiefung der Fahrrinnen an Rhein und Donau gefordert. NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) verlangt eine nationale Taskforce nach Vorbild von 2018 und fordert Bundesmittel für den Ausbau zwischen Krefeld und Düsseldorf, die 2025 gestrichen wurden.

Chronologie der Wasserkrise 2026

  1. Frühjahr 2026
    Extrem trockenes Frühjahr

    Nur 68 % des langjährigen Niederschlags; Böden stark ausgetrocknet.

  2. 26.–28. Juni 2026
    Hitzewelle mit über 40 °C

    Deutschland erlebt eine extreme Hitzewelle; World Weather Attribution belegt Klimawandel-Einfluss.

  3. 2. August 2026
    Krischer fordert Taskforce

    NRW-Verkehrsminister verlangt nationale Taskforce für Logistik.

  4. 4. August 2026
    Rheinpegel in Köln auf 69 cm

    Neue Vermessung des Rheins mit fünf Schiffen beginnt.

  5. 5. August 2026
    Kaub-Pegel unter 20 cm

    Allzeittief; IW warnt vor 0,4 % Wachstumsverlust.

  6. 6. August 2026
    Krisentreffen in Bonn

    Verkehrsminister Bilger lädt zu Fachkonferenz; Fridays for Future demonstriert in Berlin.

Die Opposition wirft Kanzler Friedrich Merz (CDU) Untätigkeit vor. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge nannte es „fahrlässig, dass Merz die Hitze und die Folgen der Klimakrise komplett ignoriert“. Ricarda Lang (Grüne) kritisierte gegenüber t-online: „Der ewige Kulturkampf gegen die Wärmepumpe ist Friedrich Merz heiliger als der Schutz der Bevölkerung.“ Fridays for Future hat für Donnerstag zu einer Demonstration in Berlin aufgerufen.

Abkühlung in Sicht, aber Lage bleibt kritisch

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) kündigt für Donnerstag eine leichte Abkühlung an. DWD-Meteorologe Felix Dietzsch sagte dem ZDF, die Temperaturen würden dann nur noch regional 30 Grad erreichen, meist lägen sie zwischen 22 und 27 Grad. Eine Entspannung der Niedrigwassersituation sei damit jedoch nicht verbunden – die seit Monaten fehlenden Niederschläge lassen die Pegel weiter sinken. Neue Regenfälle sind nicht in Sicht, und die Schifffahrt steht vor einer langen Durststrecke.

Umfrage
Lädt