178.000 Migranten fliehen aus Südafrika: Staat schiebt 77.000 ab
Innerhalb weniger Monate haben über 178.000 afrikanische Migranten Südafrika verlassen – getrieben von fremdenfeindlichen Gruppen und einer beispiellosen staatlichen Abschiebeoffensive. Allein 77.184 Menschen wurden bis Anfang August repatriiert, mehr als in den Jahren 2020 bis 2023 zusammen.
Gerard Katema, ein 49-jähriger malawischer Schweißer, trägt sein ganzes Leben auf dem Rücken: einen schwarzen Rucksack, eine Sporttasche mit Kleidungsstücken. Acht Jahre hat er in Johannesburg für umgerechnet 300 Euro im Monat gearbeitet – genug, um Frau, vier Kinder, seine Mutter und die Familien zweier Schwestern zu Hause zu versorgen. Jetzt sitzt er mit Hunderten Landsleuten auf der abgesperrten Straße vor dem malawischen Konsulat im Johannesburger Stadtteil Hillbrow, wartet auf Ausreisepapiere. „Ich wollte nie zurück“, sagt Katema. „Aber mir bleibt keine Wahl.“
Katema ist eines von über 178.000 Gesichtern einer beispiellosen Migrationsbewegung, die Südafrika im Sommer 2026 erschüttert. Innerhalb weniger Monate haben mehr als 178.000 afrikanische Migranten das Land verlassen – teils freiwillig aus Angst vor Gewalt, teils im Rahmen staatlicher Rückführungsprogramme, teils durch formale Abschiebungen. Allein 115.000 Menschen kehrten seit Ende Mai ins benachbarte Simbabwe zurück, über 56.000 nach Malawi; auch Nigeria, Ghana, Mosambik und Lesotho verzeichnen Rückkehrer.
Die südafrikanische Regierung hat bis zum 3. August 2026 insgesamt 77.184 undokumentierte Ausländer repatriiert, wie Tebello Mosikili, stellvertretende nationale Polizeikommissarin, mitteilte. 18.816 Menschen wurden zwischen April und Juli formal deportiert. Weitere 3.016 befanden sich in Abschiebehaft. „Wir streben eine geordnete Migration an, die auf die Sorgen unserer Bevölkerung eingeht, aber die Menschenwürde achtet“, erklärte Justizministerin Mmamoloko Kubayi.
Eine Abschiebewelle ohne Beispiel
Die Dimension ist historisch: „Mehr als 70.000 Abschiebungen und Rückführungen in nur zwei Monaten – das ist mehr als in den Jahren 2020 bis 2023 zusammen“, berichtet Welt-Korrespondent Christian Putsch. Rund 80 Prozent der Betroffenen stammen aus Malawi.
Am 1. Juli eröffnete die Regierung das „Temporary Repatriation Processing Centre“ in Musina nahe der simbabwischen Grenze, ein Zeltlager für 20.000 Menschen. Auf dem Höhepunkt der Krise wurden dort an einem Tag 4.850 Menschen registriert. Welt-Reporter Putsch beschreibt die Szenerie: „In den riesigen Zelten des eilig errichteten Rückführungszentrums liegen dünne Matratzen aus.“
Rückkehrer aus Südafrika nach Herkunftsland
Anzahl der Menschen, die seit Mai 2026 zurückgekehrt oder abgeschoben wurden, nach Angaben der Herkunftsländer
Quelle: AP, ABC News (08.08.2026)
Parallel dazu führt Südafrika landesweit Betriebskontrollen durch, um illegale Beschäftigung zu bekämpfen. 6.317 Arbeitsinspektoren sind im Einsatz. Justizministerin Kubayi betonte: „Wir werden die Einwanderungsgesetze weiter durchsetzen, aber human und verfassungskonform.“
Die Drahtzieher: Operation Dudula und Anti-Migrations-Gruppen
Hinter der Massenflucht stehen zwei eng vernetzte Anti-Migrations-Gruppen: „Operation Dudula“ (isiZulu für „wegdrängen“) und „March and March“. Operation Dudula attackierte wiederholt ausländische Geschäfte, kontrollierte Menschen auf der Straße und verwehrte Migranten den Zugang zu Krankenhäusern und Schulen.
„Der 30. Juni ist die Deadline, aber du musst nicht bis dahin warten – geh jetzt. Danach kann ich die Menschen Südafrikas nicht mehr kontrollieren.“
Nkosikhona Ndabandaba, Anführer der Anti-Migrations-Proteste („Phakel'umthakathi“)
Die Gruppen hatten den 30. Juni 2026 als Stichtag ausgerufen, bis zu dem alle Migranten ohne gültige Papiere das Land verlassen sollten. Präsident Cyril Ramaphosa warnte: „Die Regierung wird keinerlei Versuche tolerieren, das Land zu destabilisieren, ob marschierend oder anderweitig.“
Gewalt, Tote und humanitäre Not
Die Drohungen hatten reale Folgen: Mosambik meldete elf getötete Staatsbürger. In Mossel Bay (Westkap) wurden Ende Mai über 50 Hütten niedergebrannt, zwei Mosambikaner getötet. In Pietermaritzburg wurde ein Malawier von einem Mob ermordet.
Rückkehrer wie Idrissah Akilemu, dessen Haus in Johannesburg überfallen und niedergebrannt wurde, berichten von blankem Terror: „Ich erkannte, dass das Krieg war, keine Demonstration.“ Viele kehrten mittellos zurück – geplündert oder verbrannt, was sie besaßen. Ärzte ohne Grenzen behandelte an der Grenze Menschen, „die traumatisiert sind“, nachdem sie den Zugang zu lebensrettenden HIV-Medikamenten verloren hatten.
Chronologie der Eskalation
Mai 2026
Gewalt in Mossel Bay
Über 50 Hütten niedergebrannt, zwei Mosambikaner getötet.
7. Juni 2026
Ramaphosa kündigt Fünf-Punkte-Plan an
Präsident verurteilt Gewalt, kündigt Maßnahmen zur Migrationssteuerung an.
30. Juni 2026
Ultimatum der Anti-Migrationsgruppen
120 Proteste landesweit, über 900 Festnahmen; Tausende fliehen.
1. Juli 2026
Eröffnung des Rückführungszentrums Musina
Zeltlager für 20.000 Menschen nahe der Grenze zu Simbabwe.
3. August 2026
77.184 Repatriierungen
Bis zu diesem Datum hat die Regierung über 77.000 Menschen repatriiert.
Politisches Kalkül vor den Wahlen
Die Anti-Migrations-Proteste sind nicht ohne politische Absicht: Am 4. November 2026 finden in Südafrika Lokalwahlen statt. Der regierende ANC fürchtet weitere Stimmverluste nach der historischen Niederlage 2024. „Die Proteste sind zumindest teilweise orchestriert, um Unruhe zu politischen Zwecken zu schüren“, analysiert die SWP-Expertin Melanie Müller.
Die Massenabschiebungen belasten die Beziehungen zu Nachbarstaaten. Ghana wollte das Thema auf die Agenda eines AU-Gipfels setzen, Südafrika blockierte dies. Mehrere Länder flogen ihre Bürger aus. Der äthiopische Soziologe Girmachew Adugna sagt: „Komplexe wirtschaftliche Probleme werden auf Migranten projiziert.“
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Gerard Katema wird als „unerwünschte Person“ eingestuft und darf fünf Jahre nicht einreisen. „Es ist mir egal“, sagt er. In Malawi wird er nicht einmal die Hälfte verdienen. Die Anti-Migrationsgruppen haben Proteste bis zu den Wahlen angekündigt. Südafrika steht vor der Herausforderung, die regionale Stabilität nicht zu gefährden – und den Fremdenhass nicht weiter anzuheizen.