Marokko stoppt zweiten Ansturm auf Ceuta mit rund 300 Festnahmen
Der für Samstag angekündigte zweite Massenansturm auf Ceuta bleibt aus. Marokkanische Sicherheitskräfte nehmen nahe Fnideq rund 300 Migranten fest und setzen Tränengas ein. Spanien hatte zuvor massiv aufgerüstet.
Marokkanische Sicherheitskräfte haben am Samstag nahe der Grenzstadt Fnideq rund 300 Migranten festgenommen und dabei Tränengas eingesetzt. Der in sozialen Netzwerken angekündigte zweite Massenansturm auf die spanische Exklave blieb aus, weil Marokko die Menschen bereits weit vor der Grenze abfing.
Das regierungsnahe marokkanische Portal Le360 meldete 294 Festnahmen, die meisten von ihnen Staatsangehörige aus Ländern südlich der Sahara. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung präzisierte unter Berufung auf regierungsnahe Onlineportale, 248 der Aufgegriffenen stammten aus Subsahara-Afrika, 46 aus Marokko. Das Innenministerium nannte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters dagegen nur 111 Festnahmen – 109 Migranten aus Subsahara-Staaten und zwei Marokkaner.
Die Migranten wurden auf einem bewaldeten Hügel oberhalb von Fnideq aufgegriffen. Laut der spanischen Nachrichtenagentur EFE setzte die marokkanische Polizei Tränengas ein, um Gruppen in den Hügeln rund drei Kilometer vor der Grenze zu zerstreuen. Die Kronen Zeitung berichtete von Zusammenstößen seit Freitagabend; viele Männer hätten Spitzhacken und andere Werkzeuge bei sich gehabt.
Reuters-Reporter beobachteten später Hunderte Polizisten – teils in Kampfausrüstung, teils in Zivil –, die aus den Hügeln außerhalb Fnideqs zurückkehrten. Beim Aufspüren versteckter Migranten kamen Hunde und am Samstag auch Hubschrauber zum Einsatz. Ein Behördenvertreter sprach von einer „Routinemaßnahme zur Verhinderung von Versuchen der irregulären Migration“.
Journalisten aus Fnideq verwiesen
Das marokkanische Innenministerium wies die Journalisten der spanischen Nachrichtenagentur EFE und des Staatssenders TVE an, die Grenzstadt Fnideq umgehend zu verlassen – ohne Begründung. Laut FAZ erfolgte die Aufforderung am Sonntag, nachdem die Korrespondenten gerade über die Festnahmen berichtet hatten. Das regierungsnahe Portal Le360 nannte den Vorgang eine „Frage der Gegenseitigkeit“ und verwies darauf, dass spanische Behörden zuvor ein Team des marokkanischen Senders 2M an der Einreise nach Ceuta gehindert hätten.
Aufrufe im Netz und Prävention
Seit dem Massenansturm vom 30. Juli kursierten in sozialen Netzwerken Aufrufe zu weiteren Massenüberquerungen am 15. August, mit Slogans wie „Brüder, 15.08.2026“ und „Unsere letzte Chance“. Das marokkanische Innenministerium bezeichnete die Aufrufe als gefährlich und forderte die Bevölkerung auf, ihnen nicht zu folgen. Bereits am Mittwoch wurden in Marokko mehr als 60 Menschen festgenommen, denen Anstiftung zur irregulären Migration vorgeworfen wird.
In Fnideq wurden zusätzliche Sperren aus Stacheldraht und Nato-Draht errichtet, Patrouillenboote überwachten die Küste, Wasserwerfer standen bereit. Auf den Zufahrtsstraßen gab es zahlreiche Kontrollstellen. Laut Le360 und Hespress verhinderten die Behörden zudem, dass Gruppen in Städten wie Casablanca, Fès und Kenitra Züge und Busse Richtung Norden bestiegen.
Chronologie der Ceuta-Krise
30.07.2026
Massenansturm auf Ceuta
Rund 72.000 Migranten erreichen die Exklave; 91 bis 96 Tote.
12.08.2026
Marokko kündigt Maßnahmen an
Angesichts von Falschmeldungen im Internet verstärkt Marokko die Grenzsicherung.
14.08.2026
Erste Überquerungsversuche vereitelt
Rund 30 Festnahmen; mehr als 60 Festnahmen wegen Online-Anstiftung.
15.08.2026
Festnahmen nahe Fnideq
294 Migranten festgenommen, Tränengas-Einsatz, Lage in Ceuta ruhig.
16.08.2026
Journalisten ausgewiesen
EFE- und TVE-Korrespondenten müssen Fnideq verlassen.
Spanische Seite: Großaufgebot und ruhige Lage
Auch Spanien hatte massiv aufgerüstet: In Ceuta waren 880 Beamte der Nationalpolizei im Einsatz, unterstützt von rund 2000 Soldaten und etwa 700 Beamten der Guardia Civil. Die Regierung in Madrid errichtete eine Seebarriere und verlegte mehr als 500 zusätzliche Polizisten vom Festland. Soldaten patrouillierten vor Supermärkten, Stacheldrahtzäune wurden hochgezogen, Panzerfahrzeuge bezogen am Grenzübergang Tarajal Stellung.
Innerhalb Ceutas blieb die Lage am Samstag dagegen weitgehend ruhig. Ein dpa-Reporter berichtete: „Im Stadtzentrum ist sogar so etwas wie heile Welt, man bekommt von alledem nichts mit. Man sieht nur gelegentlich Polizei und Militär, die patrouillieren.“ Nur in den Außenbezirken seien Gruppen junger Migranten zu sehen gewesen. Der Spiegel titelte: „Aufatmen in Ceuta – trotz Aufrufen im Internet kein neuer Ansturm“.
Politische Reaktionen
Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska versprach am Donnerstag, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um eine Wiederholung zu verhindern. Der konservative PP-Abgeordnete Jaime de los Santos attackierte Ministerpräsident Pedro Sánchez scharf, der während der Krise im Urlaub in der königlichen Residenz La Mareta weilte. Italiens Außenminister Antonio Tajani verteidigte die von Rom verhängten Grenzkontrollen gegenüber Spanien und verwies auf das Risiko einer „neuen Ankunftswelle in Ceuta“.
„Wir werden weiterhin das nötige Personal einsetzen, um so schnell wie möglich die Normalität wiederherzustellen und zu verhindern, dass sich die Ereignisse vom 30. Juli wiederholen.“
Fernando Grande-Marlaska, spanischer Innenminister