Rhein fällt auf 6 Zentimeter – Schifffahrt praktisch lahmgelegt
Der Rhein ist an der Messstelle Kaub auf nur noch sechs Zentimeter gefallen. Die Schifffahrt kommt praktisch zum Erliegen, die Industrie warnt vor massiven wirtschaftlichen Folgen – und die Politik streitet über die Verantwortung.
Der Rhein ist an der Messstelle Kaub auf nur noch sechs Zentimeter gefallen – so niedrig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880. Am Nachmittag des 14. August meldete die Hochwasservorhersagezentrale Rheinland-Pfalz den einstelligen Wert, nachdem der Pegel am Morgen noch zwischen neun und zehn Zentimetern geschwankt hatte, wie die Tagesschau berichtet.
Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) hatte bereits im Vorfeld gewarnt, dass der Rhein bei einem solchen Pegel nicht mehr durchgängig befahrbar ist. BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen beschrieb die Folge als faktische Zweiteilung des Rheins: Nördlich von Köln sowie auf Neckar, Mosel und Main gebe es noch Schiffsverkehr, doch die durchgängige Verbindung reiße.
Chronologie: Der Pegel fällt
Der Niedrigwasser-Rekord hat sich über Wochen aufgebaut. Die wichtigsten Stationen im Überblick:
Chronologie des Niedrigwassers
März 2026
Pegel sinkt kontinuierlich
Laut Satellitendaten fällt der Rheinpegel seit März 2026 kontinuierlich.
5. August 2026
Kaub erreicht Rekordtief
Erstmals fällt der Pegel auf 19 Zentimeter – niedriger als im Trockensommer 2018.
12. August 2026
Nur noch 12 Zentimeter
In der Fahrrinne bleiben Frachtern noch 125 Zentimeter Wasser.
13. August 2026
Köln meldet historischen Tiefststand
Der Pegel Köln fällt auf 49 Zentimeter – 22 Zentimeter unter dem alten Rekord.
14. August 2026
Kaub einstellig
Um 17 Uhr werden nur noch 6 Zentimeter gemessen; die Schifffahrt kommt praktisch zum Erliegen.
16. August 2026
Frachtraten explodieren
Die Frachtraten Rotterdam – Karlsruhe haben sich mehr als verdreifacht.
Schifffahrt praktisch lahmgelegt
Am Rhein bei Köln fahren nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein kaum noch Schiffe. Außenbezirksleiter Markus Neumann sagte, es lohne sich „so gut wie für gar keinen mehr“ zu fahren, und fast alle noch fahrenden Schiffe seien leer.
„Der Tiefstpunkt ist nicht nur ein bisschen unterboten, sondern es hat einen ganz richtigen Sprung nach unten gemacht.“
Markus Neumann, Außenbezirksleiter Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein
Die Schiffe fahren nur noch mit einem Bruchteil der üblichen Ladung. Auf den nördlichen Rheinabschnitten sind es teils nur noch ein Fünftel. Die Frachtraten für Tankschiffe von Rotterdam nach Karlsruhe stiegen von rund 45 Euro pro Tonne Ende Juni auf bis zu 160 Euro Mitte August – mehr als das Dreifache, wie die Wirtschaftswoche berichtet.
Wirtschaftliche Folgen für die Industrie
Der Rhein trägt rund 70 Prozent der Transportleistung der deutschen Binnenschifffahrt. Transportiert werden Erze, Kohle, Mineralölprodukte, chemische Grundstoffe, Baustoffe und Getreide. Der Chemiekonzern BASF warnt seine Kunden erneut vor möglichen Lieferverzögerungen; auch Covestro hat informiert.
Die ING-Bank prognostiziert, dass die niedrigen Wasserstände das deutsche Wirtschaftswachstum um bis zu 0,3 Prozentpunkte dämpfen könnten. ING-Chefökonom Carsten Brzeski sagt: „Das trifft das Herz der deutschen Industrie.“ Bahn und Lkw können die Mengen nicht kurzfristig übernehmen, es fehlen Kapazitäten und Personal.
Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet in einer Analyse sogar mit einem Wachstumsverlust von 0,4 Prozent.
Tourismus und Politik: Wer zahlt die Zeche?
Auch der Tourismus leidet. Das Ausflugsschiff „Loreley Star“ schafft es nicht mehr bis zur Loreley, und die Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt muss ihre Linienfahrten auf der Strecke Koblenz – Bingen/Rüdesheim ausfallen lassen. Der Kreuzfahrtanbieter Nicko Cruises schifft Passagiere inzwischen im niederländischen Nijmegen statt in Köln, Düsseldorf oder Duisburg ein.
NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer fordert vom Bund Geld für den Ausbau der Fahrrinne zwischen Duisburg und Köln sowie „kurzfristig eine nationale Taskforce für Maßnahmen, um die Transportlage zu verbessern“. Niedrigwasseroptimierte Spezialschiffe können die Lage abmildern, aber nicht lösen.