Russland eröffnet Strafverfahren gegen FAZ-Reporter – bis zu sechs Jahre Haft
Bild: KI-generiert
Pressefreiheit

Russland eröffnet Strafverfahren gegen FAZ-Reporter – bis zu sechs Jahre Haft

Moskau hat ein Strafverfahren gegen FAZ-Korrespondent Michael Martens eingeleitet. Anlass ist eine Frage an Selenskyj – nun drohen internationaler Haftbefehl und bis zu sechs Jahre Straflager.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Moskau hat ein Strafverfahren gegen FAZ-Korrespondent Michael Martens eingeleitet. Nach Angaben der kremlnahen Staatsagentur Tass wird gegen den aus Wien berichtenden Journalisten wegen „Schürens von Hass und Feindseligkeit“ ermittelt. Aktuell prüfe die russische Justiz, ob Martens international zur Fahndung ausgeschrieben werde, berichtet die FAZ. Bei einer Verurteilung drohen ihm in Russland bis zu sechs Jahre Straflager.

Der Anlass ist eine einzige Frage bei einer Pressekonferenz. Am 8. August 2026 trat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gemeinsam mit Serbiens Staatschef Aleksandar Vučić in Belgrad vor die Presse. Martens fragte Selenskyj, was die Europäer tun könnten, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten. Diese Formulierung löste sofort massive Kritik in Moskau aus, wie die WELT berichtet.

X · @Andric1961

Eskalation in vier Tagen

Bereits am Sonntagabend nach der Pressekonferenz reagierte das russische Außenministerium scharf. Es nannte den Journalisten einen „braunen Propagandisten“, warf ihm vor, Russen zu entmenschlichen und Hass gegen Russland zu legitimieren. Am 10. August ruderte die FAZ teilweise zurück und erklärte die Frage als „missverständlich formuliert“; man bedauere dies. Am 16. August meldete Tass dann das Strafverfahren.

Chronologie der Eskalation

  1. 8. August 2026
    Frage an Selenskyj

    Michael Martens fragt in Belgrad, was die Europäer tun könnten, um der Ukraine zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten.

  2. 9. August 2026
    Moskau reagiert

    Das russische Außenministerium nennt Martens einen „braunen Propagandisten“ und wirft ihm vor, Hass zu legitimieren.

  3. 10. August 2026
    FAZ distanziert sich

    Die Zeitung bezeichnet die Frage als „missverständlich formuliert“ und bedauert sie; Martens verweist auf ein Churchill-Zitat.

  4. 16. August 2026
    Strafverfahren eröffnet

    Tass meldet Ermittlungen wegen „Schürens von Hass und Feindseligkeit“; eine internationale Fahndung werde geprüft.

Medwedew droht dem Reporter

Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, schaltete sich bei einer Sitzung des Expertenrats der Regierungspartei Einiges Russland ein. Man könne im „Raucherzimmer“ sagen, was man wolle, aber „wenn man eine Frage öffentlich stellt, muss man damit rechnen, dass es eine Antwort geben wird“, zitiert ihn die Berliner Zeitung. Der frühere russische Präsident ließ offen, was er mit der angedeuteten Verantwortung meinte.

Eines Tages wird er seinen Teil der Verantwortung tragen müssen.
Dmitri Medwedew, Stellv. Vorsitzender des russ. Sicherheitsrats

Bis zu sechs Jahre Straflager

Russische Gerichte verhängen auch Urteile in Abwesenheit. Der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly war wegen seiner satirischen Mottowagen gegen Kremlchef Wladimir Putin zu achteinhalb Jahren Straflager verurteilt worden, in Deutschland muss er aber keine Auslieferung befürchten. Die Pressestelle der FAZ erklärte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, dass ihr das Verfahren nicht bekannt sei, meldet die WELT.

FAZ stellt sich vor ihren Reporter

Die Zeitung wies zugleich „Diffamierungen und Drohungen“ gegen ihren Korrespondenten als „inakzeptabel“ zurück. Zur Pressefreiheit gehöre das Recht, Fragen zu stellen, gerade auf einer Pressekonferenz, heißt es aus Frankfurt. Auf Bedrohungen von Mitarbeitern werde man mit juristischen Mitteln reagieren. Die FAZ trete für das völkerrechtlich garantierte Selbstverteidigungsrecht der Ukraine und für ein möglichst baldiges Ende des russischen Angriffskrieges ein.

Der Fall reiht sich ein in eine Serie russischer Anfeindungen gegen westliche Journalisten und Politiker. Erst im Juli hatte Moskau Deutschland wegen der Ukraine-Hilfe eine „direkte Kriegsbeteiligung“ vorgeworfen und den deutschen Botschafter einbestellt.