Ein AfD-Wähler aus Gelsenkirchen stutzt, als er mit den Steuerplänen seiner Partei konfrontiert wird: „Das ist nicht okay! Wer viel Geld verdient, der soll auch viele Steuern bezahlen“, sagt der Gebäudereiniger Andreas in der ARD-Doku „Alternative für Arbeiter? – Mein Kumpel wählt AfD“.
Der Film von Sebastian Friedrich und Isabel Schneider (NDR) wurde am 13. August 2026 im Ersten ausgestrahlt und ist in der ARD Mediathek abrufbar. Über Monate begleitete das Team Andreas, der seit rund 40 Jahren als Fensterreiniger arbeitet und heute AfD wählt, und seinen Freund Thomas, einen Chirurgen, der zur Linken gewechselt ist.
Beide waren früher überzeugte SPD-Wähler – wie viele in der einstigen SPD-Hochburg Gelsenkirchen, wo die AfD bei der vergangenen Bundestagswahl stärkste Kraft wurde. „Das war eigentlich normal als Arbeiter, dass du hier im Ruhrgebiet die SPD gewählt hast“, sagt Andreas. Thomas wirft den Sozialdemokraten vor, zu wenig für die „kleinen Leute“ getan zu haben.
Die Zahlen hinter dem Arbeiterzuspruch
Bei Arbeitern erreichte die AfD laut Forschungsgruppe Wahlen zuletzt 30 Prozent und lag damit auf Platz eins; die SPD kam nur noch auf 16 Prozent – 1998 waren es 48 Prozent. Dass die AfD bei Arbeitern stark zulegt, belegte zuletzt auch eine Analyse.
Eine von Panorama in Auftrag gegebene Studie der Universität Tübingen zeigt allerdings: Die wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen der AfD sind „alles andere als arbeiterfreundlich“. Politikwissenschaftler Floris Biskamp ordnete die Partei auf einer Skala von 0 (umverteilend) bis 100 (maximal marktliberal) bei 92 Punkten ein – nur die FDP liegt mit 100 noch weiter rechtsliberal.
Wirtschaftspolitik im Vergleich (0 = umverteilend, 100 = marktliberal)
Das ZEW-Modell und das Eigentor
Vor der Bundestagswahl 2025 hatte das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim berechnet, dass von den steuerpolitischen Vorschlägen der AfD überproportional Menschen mit hohen Einkommen und Vermögen profitieren würden. Als das NDR-Team Andreas damit konfrontiert, reagiert er sichtlich überrascht: „Das ist nicht okay!“
Er räumt ein: „Wenn ich jetzt so die Zahlen sehe, dann sollte ich mich auch mal ein bisschen hinterfragen. Dafür müsste ich mich eigentlich demnächst mal ein bisschen mehr damit beschäftigen.“ Seine fußballaffine Selbsterkenntnis: Er habe sich „im Prinzip ein Eigentor geschossen“. Über die Reaktion berichteten mehrere Medien.
Auf Nachfrage, ob die AfD wirtschaftlich schlechter gestellte Menschen gegeneinander ausspiele, stimmt Andreas zu: „Da muss ich sogar zustimmen.“ Solange die Leute unzufrieden seien, „kommen die Rechten immer höher“, glaubt er – „weil die hauen ja den Finger in die Wunde“.
AfD-Antwort: Repräsentationslücke und Umdeutung
Der AfD-Sozialpolitiker René Springer widerspricht im Interview: Andere Parteien, insbesondere die SPD, hätten eine „riesige Repräsentationslücke“ hinterlassen. „Wir füllen diese Repräsentationslücke, weil wir das Bedürfnis haben, diese Interessen zu repräsentieren.“ Als spezifische Arbeiterinteressen nennt er „Heimat, Familie und Leistung“.
Den Verteilungskonflikt deutet Springer um: „Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts, das ist eben nicht mehr die Frage zwischen unten und oben, sondern es ist die Frage zwischen innen und außen“ – der Blick solle sich auf Migration und Globalisierung richten statt auf Reiche. Die Abschaffung indirekter Abgaben wie der CO2-Bepreisung käme laut Doku allerdings ebenfalls Wohlhabenden überdurchschnittlich zugute, da diese im Schnitt mehr CO2 verbrauchen.
Politikwissenschaftler Biskamp verweist darauf, dass der klassische Verteilungskonflikt „oben gegen unten“ an Bedeutung eingebüßt habe und die AfD die soziale Frage stattdessen als „innen gegen außen“ neu definiere. Auch Andreas bestätigt: Mit Reichen habe er im Alltag kaum zu tun; Zugewanderte, von denen er annehme, dass sie nicht arbeiteten, sehe er jeden Tag – das sei für ihn greifbarer.
Chronologie
Der Film verknüpft die politische Entwicklung mit dem sportlichen Schicksal des „Malocherclubs“ Schalke 04, der im Frühjahr 2026 um den Aufstieg kämpfte. Andreas‘ Arbeitgeber wollte sein Reinigungsunternehmen nicht mit der AfD in Verbindung gebracht sehen, weshalb die Dreharbeiten außerhalb seiner regulären Arbeitszeit stattfanden.
Die Chronologie
- Februar 2025ZEW-Studie
Das ZEW Mannheim zeigt: AfD-Steuerpläne entlasten vor allem hohe Einkommen.
- Mitte März 2026Dreharbeiten in Gelsenkirchen
Andreas und Thomas besuchen das Schalke-Heimspiel gegen Hannover 96.
- 13. August 2026Erstausstrahlung
Panorama zeigt die Doku im Ersten; Andreas‘ Eigentor-Reaktion wird öffentlich.
Andreas sagt am Ende: „Wenn ich darüber nachdenke, muss ich ihm ein bisschen recht geben.“ Thomas sieht darin ein Problem der SPD, die nicht mehr glaubwürdig auftreten könne. Eine offene Frage bleibt, ob Andreas seine AfD-Wahl tatsächlich überdenkt.
