Siegmund lässt IHK-Wahldialog platzen – Stellvertreter überrascht die Wirtschaft
Beim IHK-Wahldialog in Halle-Dessau muss AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund passen. Sein Vertreter Jan Scharfenort wirbt für qualifizierte Zuwanderung – und erntet dafür keinen Applaus.
Der IHK-Wahldialog in Halle-Dessau sollte die Wirtschaft mit den Spitzenkandidaten zur Landtagswahl zusammenbringen – doch ausgerechnet AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund fehlte. Stattdessen schickte er den Landtagsabgeordneten Jan Scharfenort, der mit Aussagen zur Fachkräftezuwanderung überraschte. Die IHK zeigte sich enttäuscht.
IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Brockmeier hatte sich vorgenommen, Siegmund persönlich mit Wirtschaftsfragen zu konfrontieren. Wie t-online berichtet, sagte er dazu:
„Ich will diese Frage Herrn Siegmund stellen ... Jetzt kann ich sie Herrn Siegmund leider nicht stellen.“
Thomas Brockmeier, IHK-Hauptgeschäftsführer Halle-Dessau
Unternehmerin Maren Kreibe wurde mit den Worten zitiert: „Wir sind doch vor allem wegen Siegmund gekommen.“ Ihr Mann Karsten Kreibe ergänzte, der Saal wäre nur halb so voll gewesen, hätte man das vorher gewusst. Das berichtet FOCUS online.
Fachkräftemangel dominiert den Abend
Nach IHK-Angaben dürften dem Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt in den kommenden zehn Jahren allein aus demografischen Gründen rund 100.000 Beschäftigte verloren gehen. Laut FOCUS fehlen dem Land seit Jahren etwa 14.000 Fachkräfte.
Scharfenort betonte, die AfD unterscheide strikt zwischen Asyl und qualifizierter Einwanderung. Gegen Fachkräfte, die über ein Arbeitsvisum nach Deutschland kämen, habe die Partei nichts, berichtet die dpa.
Gleichzeitig kritisierte Scharfenort laut WELT, dass „echte Fachkräfte“ gar nicht nach Deutschland kämen. Die Mitteldeutsche Zeitung titelte „Filipinos willkommen“ und berichtete, er habe philippinische Fachkräfte als Beispiel qualifizierter Zuwanderung begrüßt.
Blitzfrage zeigt Einigkeit – AfD isoliert
In einer Blitzfrage sprachen sich alle sieben Teilnehmer dafür aus, dass Sachsen-Anhalt weiterhin qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland braucht. Scharfenort warb zudem dafür, die Verwaltung zu verkleinern, Gesetze zu befristen, den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen und eine Abschiebehaftanstalt zu errichten. Für dieses Schlussplädoyer erhielt er nach FOCUS-Bericht keinen einzigen Applaus – selbst nicht von Unternehmern, die sich offen zur AfD-Wahl bekannt hatten.
Umfrage
Lädt
Stimmung im Ost-Mittelstand kippt
FOCUS online traf auf dem Forum Unternehmer, die ihre Unzufriedenheit über Bürokratie und Energiekosten äußerten und teils offen mit der AfD liebäugelten. IHK-Hauptgeschäftsführer Brockmeier kritisierte die Brandmauer-Praxis scharf.
„Es ist vollkommen absurd, dass man eine Partei, die in Umfragen stabil an den vierzig Prozent kratzt oder sogar darüber kommt, in irgendeiner Form mit Nichtbeachtung straft oder ausschließt.“
Thomas Brockmeier, IHK-Hauptgeschäftsführer Halle-Dessau
Auch die übrigen Kandidaten positionierten sich: Ministerpräsident Sven Schulze verwies auf die laufende Verwaltungsreform und kündigte an, sämtliche Berichtspflichten von Unternehmen müssten künftig neu begründet und andernfalls abgeschafft werden. Im Wahlkampf hatte er sich bereits gegen den AfD-Fachkräfteplan gestellt – die Debatte darüber hat sich seither verschärft.
Armin Willingmann (SPD) setzte auf mehr Praxisbezug im Unterricht und warnte vor Abschottung. Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne) forderte, die Schulabbrecherquote zu senken; Lydia Hüskens (FDP) warb für einen Abbau von Vergaberegeln; Eva von Angern (Linke) sprach sich für mehr frühkindliche Bildung aus; Claudia Wittig (BSW) nannte attraktive Lohnbedingungen als Voraussetzung gegen den Fachkräftemangel.
Bedeutung für die Landtagswahl am 6. September
Die Wahl findet vor dem Hintergrund statt, dass die AfD in Umfragen deutlich vorn liegt. Insbesondere die Chemieindustrie blickt mit Sorge auf eine mögliche AfD-Regierungsbeteiligung, da die Branche auf internationale Fachkräfte und europäische Zusammenarbeit angewiesen ist.
Für die Wirtschaft bleibt der Abend zwiespältig: Die AfD fehlte in Person ihres Spitzenkandidaten, doch ihr Vertreter versuchte, mit einem freundlichen Kurs gegenüber qualifizierter Zuwanderung zu punkten – während er zugleich als Einziger keinen Applaus für sein Schlussplädoyer erhielt.