Der AfD fehlt nach aktuellen Umfragen nur ein einziger Sitz zur absoluten Mehrheit im Landtag von Sachsen-Anhalt. Doch hinter den Kulissen wird bereits ein Szenario diskutiert, das dieses Ergebnis nach der Wahl zunichtemachen könnte: AfD-Abgeordnete, die zur CDU wechseln und so eine Alleinregierung der Partei verhindern.
Das geht aus einer Recherche von MDR INVESTIGATIV hervor, die am 20. August 2026 veröffentlicht wurde. Die Autoren Jana Merkel, Daniel Salpius und Marcus Engert sprachen nach eigenen Angaben mit mehr als einem halben Dutzend Insidern aus AfD und CDU – darunter Mandatsträger und langjährige Parteimitglieder.
Für eine absolute Mehrheit im Landtag sind mindestens 42 Abgeordnete nötig. Laut der Dawum-Projektion, die die jüngsten drei Umfragen zusammenfasst, steht die AfD aktuell bei 41 Mandaten. CDU (22), Linke (13) und SPD (7) kämen zusammen auf exakt 42 Mandate – ein einziger Überläufer würde die Mehrheitsverhältnisse kippen. Die AfD hatte in Umfragen zuletzt Werte um 40 Prozent erreicht (mehr dazu).
Prognose der Landtagssitze (Dawum-Projektion)
Stand August 2026
Fünf bis zehn mögliche Überläufer
Aus den Gesprächen mit AfD-Insidern ergibt sich laut MDR: Hinter vorgehaltener Hand fallen fünf bis zehn Namen, die als potenzielle Abweichler gehandelt werden. Ein bekannter AfD-Kandidat zeigte sich überzeugt, dass wechselwilligen Abgeordneten nach der Wahl „interessante Angebote“ gemacht werden könnten.
Als mögliche Wechselkandidaten gelten vor allem ältere Abgeordnete, für die absehbar die letzte Legislaturperiode ansteht, sowie Politiker, die wiederholt mit der Landes- oder Fraktionsspitze aneinandergeraten sind. Auch solche, die bei der Postenvergabe leer ausgegangen sind, kommen infrage.
Ein AfD-Mitglied aus dem Umfeld des Landesvorstands hält Wechsel in die CDU für denkbar, warnt aber vor dem persönlichen Preis: „Mit einem solchen Verrat würde man sich den Zorn des Wahlvolkes und der Partei zuziehen.“ Dem eigenen Umfeld könne man danach nicht mehr unter die Augen treten.
Die CDU bestätigt die Überlegungen indirekt. Ein als Parteistratege geltender Christdemokrat sagt, die Union suche derzeit zwar nicht gezielt den Kontakt, es sei aber „gut vorstellbar, dass man genau solche Gespräche nach der Wahl führen werde“. Offiziell hält sich die Partei bedeckt, zuletzt blockte Ministerpräsident Sven Schulze Kooperationsangebote der Linken ab.
„Dem CDU-Landesverband sind weder entsprechende Wechselabsichten von AfD-Kandidaten bekannt noch werden hierzu Gespräche geführt.“
Was einen Wechsel attraktiv macht
Der umgekehrte Fall – ein Wechsel von CDU-Abgeordneten zur AfD – gilt in beiden Parteien als unwahrscheinlich. Ein CDU-Stratege begründet: „Die AfD hat viele in der CDU dermaßen massiv beschimpft und angegriffen, dort will niemand hin.“ Auch ein AfD-Kandidat sieht auf der CDU-Liste kaum jemanden, der infrage käme.
Die AfD-Landesspitze weist das Überläufer-Szenario offiziell zurück: „Dass uns Derartiges nicht bekannt ist. Daher wird ein solches Szenario in der Landesspitze auch nicht diskutiert.“ Intern ist die Sorge dennoch präsent, wie die Gespräche zeigen.
Obwohl die Partei im Wahlkampf nach außen Geschlossenheit demonstriere, rechne ein Insider nach der Wahl mit erneutem Streit. „Und wenn die CDU diesen Leuten dann ein gutes Angebot macht, könnten der AfD da durchaus Leute von der Fahne gehen.“
Rechtlich möglich, politisch umstritten
Rechtlich ist ein Fraktionswechsel nach der Wahl ohne Weiteres möglich. Der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Universität Halle-Wittenberg verweist auf das freie Mandat: Abgeordnete seien weder ihrer Partei noch der Wählerschaft verpflichtet.
„Natürlich denkt man in den anderen Parteien darüber nach, wie eine Regierungsmehrheit gegen die AfD realisiert werden könnte. Ich halte es für vorstellbar, dass man nach AfD-Kandidaten sucht, die bereit wären, Sven Schulze zu unterstützen.“
Lewandowsky hält Übertritte nicht für überraschend. Entscheidend sei, ob Wackelkandidaten bei AfD oder CDU ein attraktiveres Angebot gemacht wird. Ein Präzedenzfall existiert bereits: In Brandenburg warf die SPD mehrere BSW-Abgeordnete aus der Regierung, die später zur CDU wechselten.
Zeitplan bis zur Wahl
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September 2026 statt. Bis dahin bleibt offen, ob und wie viele AfD-Abgeordnete nach der Abstimmung tatsächlich die Fraktion wechseln. Die CDU müsste nach der Wahl entscheiden, ob sie solche Überläufer aufnimmt.
Die Entwicklung im Überblick
- 20. August 2026MDR INVESTIGATIV veröffentlicht Recherche
Der Bericht über mögliche AfD-Überläufer zur CDU erscheint erstmals.
- 21. August 2026Medien greifen Bericht auf
Junge Freiheit, Merkur, Focus und weitere berichten über das Szenario.
- 6. September 2026Landtagswahl Sachsen-Anhalt
Entscheidung über Mehrheitsverhältnisse und mögliche Wechsel.
Ihre Einschätzung
Die Frage, ob die CDU AfD-Überläufer aufnehmen sollte, um eine Alleinregierung zu verhindern, ist hochumstritten. Befürworter verweisen auf das freie Mandat und den Wunsch, eine Regierungsbeteiligung der als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei zu verhindern. Kritiker sehen darin eine Konterkarierung des Wählerwillens.
Sicher ist: Das Thema ist heikel. Kaum jemand will sich namentlich zitieren lassen – ein Parteiwechsel bedeute zugleich den Bruch mit dem sozialen und privaten Umfeld. Ob die CDU tatsächlich auf Überläufer setzt, wird sich erst nach dem Wahltag zeigen.
