Ein Schuss aus einer Polizeiwaffe hat am Dienstagabend in München-Schwabing einen 14-jährigen Jungen schwer verletzt. Nach Polizeiangaben hatte der Jugendliche mit einer täuschend echten Softair-Pistole hantiert und sich den Beamten mit erhobener Waffe zugewandt.
Doch die Familie des Verletzten widerspricht dieser Darstellung entschieden: Der Schüler habe die Spielzeugwaffe sofort fallen gelassen und gerufen, es sei eine Spielzeugwaffe. Der Fall sorgt über die Region hinaus für Diskussionen über die Verhältnismäßigkeit von Polizeischüssen. Erst vor wenigen Wochen war in München ein ähnlicher Polizeieinsatz tödlich geendet.
Der Ablauf nach Polizeiangaben
Ein Passant hatte gegen 17.13 Uhr den Notruf gewählt: Am U-Bahnhof Hohenzollernplatz hantiere ein Mann mit einer schwarzen Pistole, der anschließend in einen Linienbus Richtung Kurfürstenplatz stieg. Die Polizei löste einen Großeinsatz mit rund 80 Beamtinnen und Beamten aus, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.
„Wir haben das sehr ernst genommen und sind mit starken Kräften in die Fahndung eingestiegen.“
Gegen 17.30 Uhr entdeckten zwei Zivilbeamte den Jugendlichen an der Kreuzung Herzogstraße/Belgradstraße. Nach Polizeidarstellung zog der 14-Jährige einen waffenähnlichen Gegenstand aus der Hose und machte eine Bewegung, als würde er eine Pistole durchladen. Als er sich mit der Waffe in der Hand zu den Beamten umdrehte, fiel der Schuss.
Die Einsatzkräfte leisteten sofort Erste Hilfe. Der Junge wurde ins Krankenhaus gebracht und operiert; sein Zustand sei stabil. Weil er keinen Ausweis bei sich trug, konnte seine Identität erst im Laufe der Nacht geklärt werden.
Die Waffe und der Hintergrund
Bei dem sichergestellten Gegenstand handelte es sich um eine Softair-Pistole, die einer echten Beretta 92 FS im Kaliber 9 Millimeter täuschend ähnlich sah. Polizeisprecher Schelshorn demonstrierte die Ähnlichkeit bei einer Pressekonferenz anhand eines Vergleichsbildes. Nur eine schmale rote Umrandung an der Mündung hätte auf eine Anscheinswaffe hindeuten können, wie t-online berichtet.
Der 14-Jährige mit türkischer Staatsangehörigkeit war laut Schelshorn 2023 mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen und hatte einen Asylantrag gestellt. Der Antrag wurde abgelehnt und die Abschiebung angedroht. Er geht im Landkreis Miesbach zur Schule und ist polizeilich wegen eines Körperverletzungsdelikts bekannt.
Die Familie widerspricht der Polizeidarstellung
Das Kurdische Zentrum München und die Linke München erklären dagegen, der Junge habe die Spielzeugwaffe sofort auf den Boden geworfen und mehrfach gerufen: „Es ist eine Spielzeugwaffe! Nicht schießen!“ Dennoch sei geschossen worden. Die Familie wirft der Polizei zudem vor, den blutenden Jungen mit dem Fuß am Boden fixiert und ihm Handschellen angelegt zu haben.
Die Familie sei nicht von den Behörden kontaktiert worden, obwohl das Handy des Jungen beschlagnahmt worden war. Sie habe ihren Sohn auf eigene Faust suchen müssen und erst durch Freunde von dem Vorfall erfahren, berichtet die Abendzeitung.
Der Kreissprecher der Linken München, Johannes König, besuchte die Familie im LMU-Klinikum. Er forderte eine lückenlose und unabhängige Aufklärung und kritisierte das Vorgehen der Beamten scharf.
„Was hier passiert ist, darf nicht als bedauerlicher Einzelfall abgetan werden. Der Beamte hat die Lage fatal falsch eingeschätzt – und selbst als von einer akuten Bedrohung längst keine Rede mehr sein konnte, offenbar völlig unverhältnismäßig gehandelt.“
Was jetzt geprüft wird
Das Sachgebiet 131 des Bayerischen Landeskriminalamts prüft die Rechtmäßigkeit des Schusswaffeneinsatzes, unter Sachleitung der Staatsanwaltschaft München I. Gegen den Beamten, der geschossen hat, wird nicht ermittelt; er hat Zeugenstatus. Gegen den Jugendlichen ermittelt das Kommissariat 24 dagegen wegen einer möglichen Bedrohung der Beamten.
Am Donnerstag bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass Videoaufnahmen vom Aufeinandertreffen in der Belgradstraße vorliegen. Der Schuss selbst ist darauf nicht zu sehen. Die Begleiterin des Jugendlichen wurde befragt, der verletzte 14-Jährige selbst bislang nicht.
Von 2016 bis 2025 erfasste das LKA insgesamt 79 Schusswaffeneinsätze der bayerischen Polizei gegen Personen, mit 52 Verletzten und 13 Toten. Nur ein einziger Einsatz wurde als unzulässig eingestuft.
Schusswaffeneinsätze der bayerischen Polizei 2016 – 2025
Erfasst vom Bayerischen Landeskriminalamt
