EU verweigert Kiew 220 Millionen Soforthilfe für Bauern
Brüssel verweigert Kiew die beantragten 220 Millionen Euro für kleine und mittlere Agrarbetriebe. Statt neuer Zuschüsse verweist die EU auf bestehende Kreditprogramme – die Bauern tragen die Kosten der Hafenblockade allein.
Brüssel verweigert Kiew die beantragte Soforthilfe von 220 Millionen Euro. Betroffen sind kleine und mittlere Agrarbetriebe, die wegen der russischen Angriffe auf die ukrainischen Schwarzmeerhäfen in Liquiditätsnot geraten sind.
Das ukrainische Landwirtschaftsministerium hatte die nicht rückzahlbare Unterstützung Anfang August beantragt, um Kreditzinsen im staatlichen Programm „Günstige Kredite 5-7-9 Prozent“ zu finanzieren. EU-Kommissionssprecher Markus Lammert bestätigte die Absage gegenüber der European Pravda.
„Wir können bestätigen, dass wir auf das jüngste Schreiben des ukrainischen Agrarministers geantwortet haben“, sagte Lammert. „In unserer Antwort haben wir Bereiche möglicher Unterstützung für den ukrainischen Agrarsektor unter Nutzung bereits bestehender Mechanismen aufgezeigt.“
Verweis auf bestehende Kreditprogramme
Statt neuer Direktzahlungen verweist die Kommission auf laufende Zinszuschüsse über die Ukraine Facility sowie auf EU-geförderte Kreditprogramme ukrainischer Banken. Diese Darlehen könnten Landwirten in schwieriger Liquiditätssituation helfen, so Lammert.
Das ukrainische Ministerium wollte mit den 220 Millionen Euro gezielt kleine und mittlere Betriebe entlasten. Jetzt tragen die Bauern die Mehrkosten für teurere Landtransporte und längere Lagerung allein.
Auslöser des Hilferufs ist die Blockade der Häfen Odessa, Tschornomorsk und Juschny. Seit dem 22. Juli 2026 läuft dort kein ausländisches Frachtschiff mehr ein oder aus; über die drei Häfen wurden bislang bis zu 90 Prozent der Agrarausfuhren abgewickelt.
Eskalation am Schwarzen Meer
22. Juli 2026
Häfen im Großraum Odessa lahmgelegt
Kein ausländisches Frachtschiff läuft mehr ein oder aus.
Ende Juli 2026
Schiffsverkehr kommt zum Erliegen
Selenskyj warnt vor weiter steigendem Druck auf den maritimen Exportkorridor.
Anfang August 2026
Kiew beantragt 220 Millionen Euro
Das Landwirtschaftsministerium bittet die EU um nicht rückzahlbare Hilfe.
20. August 2026
Brüssel bestätigt Absage
EU-Sprecher Markus Lammert verweist auf bestehende Kreditprogramme.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits Ende Juli gewarnt, Russland werde den Druck auf den maritimen Exportkorridor weiter erhöhen. Nach ukrainischen Angaben ist rund ein Drittel der Getreide-Exportkapazität verloren.
Bauern bleiben auf der Ernte sitzen
Der stellvertretende Vorsitzende des Allukrainischen Agrar-Rats, Denys Martschuk, sagte der Deutschen Welle: „Derzeit können wir unsere Erzeugnisse kaum verkaufen. Stattdessen werden die Vorräte eingelagert, sofern überhaupt ausreichend Lagerkapazitäten vorhanden sind.“
Bereits mehr als 28 Millionen Tonnen Getreide und Hülsenfrüchte sind eingebracht, ein Großteil lässt sich nicht vermarkten. Der Preis für Speiseweizen fiel nach Angaben des Ukrainischen Agrarwirtschafts-Clubs um 30 bis 35 Prozent, Gerste kostet etwa 30 Prozent weniger.
Die Agrarausfuhren lagen im Juli bei 3,7 Millionen Tonnen – ein Viertel weniger. Für August erwartet das Ministerium einen Rückgang um rund die Hälfte; jährliche Verluste durch unverkaufte Agrarprodukte beziffert Kiew auf bis zu 20,5 Milliarden US-Dollar.
Brüssel setzt auf Ausweichrouten
„Die Kommission steht auch mit Rumänien, Moldau und den ukrainischen Behörden – einschließlich Unternehmen – in Kontakt, um die Lage hinsichtlich alternativer Transportwege über die Solidaritätskorridore zu bewerten“, sagte Lammert.
Doch die Ausweichrouten sind begrenzt: Die Donau ist wegen Dürre nur eingeschränkt nutzbar, europäische Bahnstrecken sind in der Erntezeit ausgelastet, und der Straßentransport großer Getreidemengen ist teuer. Moldau sorgt sich bereits um eine Überlastung seines Schienennetzes.
Agrarminister Taras Wysozkyj betonte gegenüber der DW, dass nur die Wiederherstellung sicherer Schifffahrtswege zu den Häfen im Großraum Odessa eine mittelfristige Lösung biete. Bahnverbindungen und Trockenhäfen seien nur vorübergehende Auswege.