Linnemann hält an Reduzierung auf 20 Krankenkassen fest
Trotz massiver Kritik hält Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) an seinem Plan fest, die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen von 93 auf höchstens 20 zu senken. Eine Kommission soll bis Ende des Jahres einen Endbericht vorlegen.
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) will die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen von 93 auf höchstens 20 senken – und legt trotz massiver Kritik nach. Im Interview mit der „Bild am Sonntag“ bekräftigte der frühere CDU-Generalsekretär sein Ziel und kündigte an, dass eine Kommission bis Ende des Jahres einen Endbericht vorlegen werde.
Der Vorstoß stammt aus seiner Zeit als CDU-Generalsekretär. Im April 2026 sagte Linnemann im RTL/ntv-„Frühstart“: „Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen.“ Kurz darauf konkretisierte er in einem „Bild“-Interview: Bis 2032 solle die Zahl auf zehn bis 20 sinken, Krankenkassen sollten künftig mindestens eine Million Versicherte haben. Seit der Kabinettsumbildung im Juli ist er Bundesgesundheitsminister.
„Davon nehme ich nichts zurück. Und jetzt bin ich Bundesgesundheitsminister, und jetzt habe ich Ende des Jahres eine Kommission, die einen Endbericht vorlegt.“
Carsten Linnemann, Bundesgesundheitsminister (CDU)
Der Plan: Fusionen bis 2032
Nach den im April bekannt gewordenen Plänen sollen Krankenkassen künftig mindestens eine Million Versicherte haben. Diese Schwelle erfüllen derzeit nur 17 von 93 Kassen. Die übrigen müssten sich zusammenschließen. Nach Informationen der „Bild“ geben die 93 Krankenkassen jährlich rund 13 Milliarden Euro für die eigene Verwaltung aus.
Die Zahl der Kassen ist seit Jahrzehnten rückläufig: 1970 gab es noch rund 1.800 Kassen, Anfang der 1990er-Jahre über 1.000, im Jahr 2000 noch 420 und 2010 noch 169. Zum 1. Januar 2026 zählt der GKV-Spitzenverband nur noch 93 Krankenkassen. Parallel laufen freiwillige Fusionen, etwa die geplante Fusion der BKK Firmus mit der Heimat Krankenkasse. Nach Angaben des IKK-Verbands sind bereits 84 Prozent der Versicherten bei einer der 20 größten Kassen.
Die Eskalation im Überblick
April 2026
Linnemann fordert zehn Kassen
Im RTL/ntv-„Frühstart“ sagt er: „Zehn Krankenkassen in Deutschland reichen.“
April 2026
Konkreter Plan
In der „Bild“ konkretisiert er: Reduzierung auf zehn bis 20 Kassen bis 2032, Mindestgröße eine Million Versicherte.
Sommer 2026
Kabinettsumbildung
Nach einer Kabinettsumbildung wird Linnemann Bundesgesundheitsminister und tritt die Nachfolge von Nina Warken an.
23. August 2026
Bekräftigung
Im „Bild am Sonntag“-Interview sagt er: „Davon nehme ich nichts zurück.“
24. August 2026
Kritik
Gesundheitsökonomen, GKV-Spitzenverband und IKK-Verband widersprechen deutlich.
Widerstand von Experten und Kassen
Gesundheitsökonomen halten den Plan für wirkungslos oder sogar schädlich. Prof. Klaus Jacobs, ehemaliger Geschäftsführer des WidO, nannte die Schlussfolgerung falsch, weniger Kassen führten automatisch zu mehr Effizienz. Der Analyst Werner Schirmer von der LBBW bewertete die Pläne als „populistisch“ – Fusionen verursachten zunächst Kosten und Verwirrung. Der GKV-Spitzenverband sprach von einer „Debatte ohne Hand und Fuß“.
Der GKV-Spitzenverband argumentiert, Fusionen änderten nichts an der Zahl der Versicherten und deren Betreuungsaufwand. Vorstandsvorsitzender Oliver Blatt betonte: „Von weit über tausend Krankenkassen in den 90er-Jahren sind heute nur noch 93 an der Versorgung beteiligt und stehen im Wettbewerb um gute Versorgung und guten Service.“ Der IKK-Verband führt an, die Verwaltungskosten lägen mit rund vier Prozent der Gesamtausgaben vergleichsweise niedrig. Größe allein schaffe weder bessere Versorgung noch nachhaltige Finanzierung, sagte IKK-Vorstand Hans-Jürgen Müller.
Finanzkommission sah keine Einsparungen
Entscheidend: Die von der Bundesregierung eingesetzte Finanzkommission Gesundheit, die die Grundlage für das GKV-Spargesetz erarbeitete, hat eine Zusammenlegung der Kassen ausdrücklich nicht empfohlen. Das Expertengremium konnte keinen Spareffekt durch eine Reduzierung der Kassen errechnen. Auch in Österreich habe eine Reduzierung der Kassen keine nennenswerten Einsparungen erzielt, berichtet die Pharmazeutische Zeitung.
Das jährliche Defizit der gesetzlichen Krankenkassen liegt bei 15,3 Milliarden Euro. Der Bundestag hatte im Juli bereits einschneidende Reformen beschlossen. Linnemann selbst sieht in seiner Rolle als Ökonom keinen Nachteil: „Ich bin Ökonom. Vielleicht schadet das nicht, ist sogar ein Vorteil, von außen auf die Dinge zu gehen.“ Die Kommission soll nun bis Ende des Jahres liefern. Ob die Fusionen tatsächlich kommen, hängt auch vom Widerstand der Kassen und der Koalition ab.