Rund fünf Millionen Menschen in und um Kiew sind von einer einzigen Kläranlage abhängig – und genau die nimmt Russland jetzt verstärkt unter Beschuss. Wie n-tv berichtet, weitet Moskau seinen Versuch, die ukrainische Hauptstadt im Winter unbewohnbar zu machen, gezielt auf die Wasser- und Abwasserversorgung aus.
Seit Ende Mai 2026 kommt es immer wieder zu Angriffen auf die Kläranlage Bortnyzja – vor allem mit ballistischen Raketen, die die ukrainische Flugabwehr wegen Munitionsmangels kaum noch abfangen kann. In der Nacht zum 20. August griff Russland zudem erstmals seit Monaten wieder Energieobjekte in und um Kiew an.
In den Stadtteilen Desnianskyi und Teilen von Dniprovskyi fiel daraufhin zeitweise die Warmwasserversorgung aus. Bürgermeister Vitali Klitschko sprach von einem gezielten Angriff auf eine Anlage der kritischen Infrastruktur; bei den massiven Angriffen in derselben Nacht starben laut tagesschau mindestens 16 Menschen.
Die Achillesferse: eine einzige Kläranlage
Das Abwassersystem Kiews ist stark zentralisiert und hängt von der Kläranlage Bortnyzja ab – der größten der Stadt. Sie bedient neben Kiew auch umliegende Orte wie Wyschhorod, Irpin, Wyschnewe und Hatne. Die Auslegungskapazität liegt bei rund 1,8 Millionen Kubikmetern pro Tag, die tatsächliche Belastung zwischen 600.000 und 900.000 Kubikmetern – ein Ersatzsystem existiert nicht, wie LIGA.net berichtet.
Die Wasserversorgung selbst hängt zwar nicht direkt von der Anlage ab, doch ohne funktionierendes Abwassersystem ist ein normales Leben in der Millionenstadt kaum vorstellbar. Die Kläranlage nimmt praktisch das gesamte industrielle und häusliche Abwasser auf und ist die Endstation des städtischen Abwassersystems.
„Russlands Ziel ist es jetzt, unsere Wasserversorgung zu zerstören.“
Angriffe auf Energie und Wasser
In Vorbereitung auf den Winter hat die russische Armee Ende letzter Woche erstmals seit Monaten wieder Energieobjekte in und um Kiew angegriffen. Am 20. August meldete Bürgermeister Klitschko, dass in den Stadtteilen Desnianskyi und Teilen von Dniprovskyi die Warmwasserversorgung unterbrochen sein könne. In derselben Nacht tötete ein massiver russischer Angriff auf Kiew und die Region mindestens 16 Menschen, mehr als 30 wurden verletzt, berichtet die tagesschau.
Parallel verstärkte Russland die am 5. August begonnene Kampagne gegen Lebensmittellager, über die jux.news bereits berichtete. Neben Verteilzentren der wichtigsten Supermarktketten würden auffallend häufig Verteilzentren von Eiscremefabriken beschossen – offenbar, um den Handelsketten vorab eine Ausweichmöglichkeit zu nehmen. Die Unternehmen kämpften bereits mit einem Mangel an Kühlräumen, teilweise sei schon jetzt ein Mangel an Milch und Fleisch erkennbar, der sich im Winter verschärfen dürfte.
Die Eskalation im Überblick
- Herbst 2022Beginn der systematischen russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur Kiews und der Region.
- Frühjahr 2026Präsident Selenskyj warnt vor einem geplanten Beschuss der Trinkwasserversorgung, Pumpstationen, Staudämme und Brücken.
- Ende Mai 2026Erste Meldungen über Beschuss der Kläranlage Bortnyzja, vor allem mit ballistischen Raketen.
- 5. August 2026Russland beginnt die Kampagne gegen Lebensmittellager; Ukrainska Pravda berichtet über Angriffe auf Bortnyzja.
- 20. August 2026Russland greift erstmals seit Monaten wieder Energieobjekte in und um Kiew an; Warmwasserausfälle in Desnianskyi und Dniprovskyi.
- 25. August 2026n-tv veröffentlicht den Lagebericht über die Angriffe auf Kiews Wasser- und Abwasserversorgung.
Was ein Ausfall bedeuten würde
Eine vollständige Zerstörung der Kläranlage gilt als wenig wahrscheinlich: Der rund 300 Hektar große Komplex ist mit massiven Stahlbetonkonstruktionen gebaut, Russland bräuchte „Unmengen an ballistischen Raketen“. Sehr wohl möglich sei aber, gezielt Kompressoren, Pumpen, Steuerungssysteme oder die Stromversorgung anzugreifen. Schon ein mehrtägiger Stromausfall könnte dafür sorgen, dass die reinigenden Bakterien ohne Sauerstoff absterben. Zwar seien die Stromreserven groß und der physische Schutz ausgebaut worden, vollständigen Schutz gebe es jedoch nicht, so n-tv.
Die Folgen wären gravierend: Abwässer könnten in Keller und untere Stockwerke von Gebäuden zurückfließen, was das Leben in der Hochhausstadt Kiew schnell erschweren würde. Unhygienische Zustände könnten Darminfektionen und Krankheiten wie Hepatitis A auslösen und die ohnehin belasteten Krankenhäuser überfordern. Der Politikanalyst Viktor Taran wies zudem auf eine zweite Ebene hin: Unbehandeltes Abwasser würde in den Fluss Dnipro fließen, der als Trinkwasserquelle für Tscherkassy, Krementschuk, Dnipro, Saporischschja, Cherson und Teile der Regionen Donezk und Charkiw dient – „ein Angriff auf Bortnyzja ist formal ein Angriff auf Kiew, in Wirklichkeit aber ein Angriff auf die Wasserversorgung des halben Landes flussabwärts“, zitierte Ukrainska Pravda.
Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte bereits im Frühjahr 2026 unter Berufung auf die ukrainische Aufklärung vor einem systematischen Beschuss der Trinkwasserversorgung. Nach einem früheren Großangriff auf Kiew kündigte er an: „Wir werden antworten“. Ministerpräsident Denys Schmyhal sagte dem US-Portal Politico, länger als drei Tage ohne Wasser und Abwasser zu überleben sei schwierig. Ob Russland auch auf mittelgroße Städte abzielt, ist unklar – doch aus russischer Sicht bestünde das Risiko, dass die Ukraine auf gleiche Weise antwortet, so n-tv. Klar ist: Der kommende Winter könnte für Kiew zur härtesten Probe seit Kriegsbeginn werden.
