In der Nacht zum Dienstag hat Deutschland 23 ausreisepflichtige Afghanen nach Kabul abgeschoben. Die Bundesregierung spricht von schweren Straftätern, die Grünen kritisieren die Zusammenarbeit mit den Taliban.
In der Nacht zum Dienstag hat Deutschland 23 afghanische Männer nach Kabul abgeschoben. Der Charterflug startete vom Flughafen Leipzig/Halle, begleitet von Bundespolizisten – es ist die dritte Sammelabschiebung binnen drei Monaten.
Das Bundesinnenministerium teilte auf X mit, die Männer seien großenteils verurteilte Straftäter: Sexualdelikte und Körperverletzungsdelikte. Auf Nachfrage präzisierte das Ministerium, ausnahmslos alle seien strafrechtlich in Erscheinung getreten. Sie stammten aus Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.
Die Grünen-Abgeordnete Schahina Gambir widerspricht der Darstellung: Mindestens fünf der Abgeschobenen seien keine Straftäter. Sie wirft der Bundesregierung vor, sich den Taliban anzubiedern.
Dobrindt verteidigt Abschiebekurs
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) verteidigte den Flug. Er stellte klar, dass die Regierung ihren Kurs konsequent umsetzt.
„Unsere Gesellschaft hat ein eindeutiges Interesse daran, dass Straftäter unser Land verlassen müssen. Außerdem bleibt klar: Wer kein Aufenthaltsrecht in Deutschland hat, muss damit rechnen, unser Land zu verlassen. Diesen Kurs setzen wir konsequent um.“
Alexander Dobrindt, Bundesinnenminister (CSU)
BILD zufolge erhielt Dobrindt die Nachricht vom vollzogenen Flug am Dienstagmorgen während der Kabinettstagung in Neuhardenberg.
Protest und scharfe Kritik
Am Montagabend protestierten Dutzende Menschen am Leipziger Flughafen gegen den Abschiebeflug. Das Bündnis gegen Abschiebungen warnte: „Menschen aus Afghanistan, die hier Schutz suchen, werden heute ins Taliban-Regime abgeschoben, wo sie Ausgrenzung, Folter oder sogar der Tod erwartet. Das ist für sie extrem gefährlich.“
„Anstatt sich für Menschenrechte einzusetzen, kämpft diese Bundesregierung nur für ihre eigene Abschiebepolitik.“
Schahina Gambir, Bundestagsabgeordnete (Grüne)
Gambir und ihre Fraktionskollegin Sara Nanni kritisieren, die Regierung helfe den Taliban, „auf dem internationalen Parkett salonfähig zu werden“. Pro Asyl wirft der Bundesregierung vor, Aufnahmeprogramme und den Familiennachzug aus Afghanistan gestoppt zu haben.
Die Vorgeschichte: Drei Flüge in drei Monaten
Seit dem Regierungswechsel hat Deutschland knapp 230 Männer nach Afghanistan abgeschoben. Die Bundesregierung erkennt die Taliban nicht an, führt aber Gespräche auf technischer Ebene, um Abschiebungen zu ermöglichen. Erst im April waren 25 Straftäter abgeschoben worden, darunter drei aus Hessen.
Chronologie der Abschiebungen
August 2024
Erste Sammelabschiebung nach Taliban-Machtübernahme
Unter Innenministerin Faeser, organisiert mit Unterstützung Katars.
Juni 2026
32 Afghanen abgeschoben
Erste von drei Sammelabschiebungen binnen drei Monaten.
Juli 2026
31 Afghanen abgeschoben
Dobrindt kündigt Ausweitung auf Nicht-Straftäter und bis zu drei Flüge pro Monat an.
24. August 2026
Protest am Flughafen
Dutzende Menschen demonstrieren gegen den geplanten Flug.
25. August 2026
23 Männer nach Kabul
Charterflug startet in Leipzig/Halle, begleitet von Bundespolizisten.
Menschenrechtliche Lage verschärft sich
In Afghanistan herrscht eine schwere humanitäre Krise. Das Welternährungsprogramm warnt vor beispielloser Unterernährung, laut Internationaler Arbeitsorganisation hat nur ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung einen Job.
Öffentliche Auspeitschungen nehmen zu: 2024 wurden 593 Fälle dokumentiert, 2025 bereits 1.074. Allein bis April 2026 dokumentierte die Afghanistan Human Rights and Democracy Organization 553 weitere Fälle.