Fast alle Migranten erreichen Deutschland ohne Eurodac-Eintrag
Trotz des neuen EU-Asylsystems sind in den ersten zwei Monaten nur 1,5 Prozent der aufgegriffenen Migranten in Deutschland zuvor in Eurodac registriert worden. Italien verweigert weiterhin Rücknahmen – und die Registrierungslücke wird zum ersten großen Stresstest für Dobrindts „Meilenstein“.
Fast alle Migranten, die in den ersten zwei Monaten nach Inkrafttreten des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) unerlaubt nach Deutschland einreisten, waren zuvor im europäischen System unsichtbar. Das geht aus einer Recherche des Spiegel hervor, über die unter anderem die WELT berichtet: Von 7.314 Personen, die die Bundespolizei an der deutschen Grenze aufgriff, hatten lediglich 112 einen Eintrag in der Eurodac-Datenbank – das sind 1,5 Prozent.
Die GEAS-Verordnung, die seit dem 12. Juni 2026 gilt, sieht vor, dass Migranten bereits an den EU-Außengrenzen mit Fingerabdrücken und persönlichen Daten erfasst werden. Die niedrige Registrierungsquote weckt nun Zweifel daran, dass der Plan aufgeht – Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte das neue Asylsystem als „Meilenstein“ im Kampf gegen unerlaubte Zuwanderung gefeiert.
Registrierungsquote von 1,5 Prozent ist kein Hinweis auf Wende
Die Bundespolizei hält eine Bewertung der Asylreform für verfrüht. Der Konstanzer Migrationsforscher Daniel Thym kommentierte, die Zahl sei zumindest kein Hinweis auf eine Wende durch GEAS. Als Ursache gilt das Verhalten besonders belasteter EU-Außenstaaten: Griechenland, Italien oder Spanien hätten sich offenbar vielfach nicht an die gemeinsame Linie gehalten und Migranten ohne Registrierung durchgewinkt.
Ziel dieser Praxis sei es gewesen, Migranten schnell aus dem eigenen Land zu bekommen und zu verhindern, dass sie mit Verweis auf eine Eurodac-Registrierung zurückgeschickt werden konnten, berichtet die WELT.
Bereits einen Monat nach dem Start von GEAS hatte die EVP-Fraktion im Europaparlament Druck auf Kommissionspräsidentin von der Leyen gemacht und Nachschärfungen gefordert. Das unterstreicht, wie umstritten die Umsetzung der Reform von Beginn an war.
Italien blockiert Rücknahmen – und kassiert Strafen
Die Registrierungslücke steht in direktem Zusammenhang mit dem erneut entbrannten Streit zwischen Deutschland und Italien über die Umsetzung der neuen EU-Asylregeln. Berlin verlangt, dass Rom wieder Asylsuchende zurücknimmt, für deren Verfahren Italien zuständig ist. Doch die italienische Regierung lehnt zahlreiche Überstellungen bislang ab – seit Dezember 2022 hat Italien rund 80.000 Rückführungen abgelehnt, wie n-tv unter Berufung auf die Corriere della Sera berichtet.
Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini verschärfte den Ton: Deutschland habe kein Recht, auch nur einen einzigen irregulären Einwanderer zurückzuschicken, solange deutsche NGO-Schiffe im Mittelmeer aktiv seien. Italiens Innenminister Matteo Piantedosi rechnete vor, deutsche Seenotretter hätten dieses Jahr rund 2.200 Menschen aufgenommen und setzten damit „zuerst deutschen Boden“.
„Deutschland hat kein Recht, uns auch nur einen einzigen illegalen Einwanderer zurückzuschicken, solange deutsche NGO-Schiffe im Mittelmeer unterwegs sind, um Tausende illegale Einwanderer in Italien und Europa an Land zu bringen.“
Matteo Salvini, Vize-Ministerpräsident und Lega-Chef
Als Reaktion setzten italienische Behörden das Rettungsschiff „Sea-Watch 5“ für 45 Tage fest und verhängten eine Geldstrafe. Auch andere Staaten folgten dem deutschen Beispiel: Die Schweiz, Österreich, Finnland, Schweden, die Niederlande und Irland kündigten Rückführungen nach Italien an; Österreich hat bereits drei durchgeführt.
Italien wiederum nahm seit Jahresbeginn aus europäischen Partnerländern nur drei Migranten zurück – aus Deutschland keinen einzigen. Diese Blockadehaltung führt dazu, dass Deutschland auf den Kosten und der Verantwortung sitzen bleibt und gleichzeitig die Registrierung an den Außengrenzen kaum funktioniert.
Chronologie des Streits
Der Fall zeigt die „Konstruktionsfehler“ von GEAS, wie die taz analysiert: Das neue System schreibt keine verbindlichen Regeln vor, die wirklich alle EU-Staaten zur Aufnahme zwingen – Mittelmeerstaaten wie Italien bleiben mit der Hauptlast allein. Die niedrige Eurodac-Registrierungsquote an der deutschen Grenze gilt Beobachtern als erster Hinweis darauf, dass die Reform die erhoffte Wende bislang nicht bringt.
Die wichtigsten Daten
12. Juni 2026
GEAS tritt in Kraft
Das Gemeinsame Europäische Asylsystem soll Migranten bereits an den EU-Außengrenzen erfassen.
23. August 2026
Salvini kündigt Blockade an
Italien will keinen Migranten aus Deutschland zurücknehmen, solange deutsche NGO-Schiffe im Mittelmeer aktiv sind.
26. August 2026
Spiegel veröffentlicht Eurodac-Zahlen
Nur 112 von 7.314 Migranten waren zuvor in Eurodac registriert.
Anfang September 2026
Treffen der Innenminister
Matteo Piantedosi und Alexander Dobrindt planen Gespräche.
Falls das Treffen keine Lösung bringt, droht sich der Konflikt weiter zu verschärfen. Die Bundespolizei will die Auswirkungen der Asylreform auf das Fluchtgeschehen weiter beobachten.