Ein Monat nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD fühlen sich zwei der schwer verletzten Opfer von Politik und Öffentlichkeit im Stich gelassen. Luise D. und Sebastian S. (47) überlebten den Machetenangriff im Tiergarten nur knapp – doch sie sagen: Ihr Attentat findet nicht statt.
Am 25. Juli 2026 raste der Islamist Abdul Ballout mit einem Mietwagen in die feiernde Menge, eine 65-jährige Polin starb – die Polizei fahndete tagelang nach ihm. Wenig später griff ein Mann im Tiergarten eine Freundesgruppe mit einer Machete an. Erst jetzt, am 26. August, sprechen die beiden Überlebenden öffentlich – im Interview mit der Welt.
„Mein Attentat hat bis jetzt gar nicht stattgefunden. Ich hätte sterben können, hätte behindert sein können, ich hätte entstellt sein können. Für mich ist das belastend, dass wir einfach nicht stattfinden.“
Der Angriff im Tiergarten
Gegen 22 Uhr stand Sebastian S. mit einer Gruppe Freunden im Tiergarten – darunter Luise D. Von der zeitgleich stattfindenden Amokfahrt ahnten die Freunde nichts. Plötzlich sprang ein Mann aus dem Gebüsch und griff die Gruppe mit einer Machete an. Luise wurde als Erste getroffen, mehrfach im Oberkörper, und verlor fast sofort das Bewusstsein.
Sebastian ging auf den Angreifer los, um ihn aufzuhalten. Die Waffe zertrümmerte ihm mehrere Rippen und verletzte seine Lunge. „Ich habe so ein Zischen gehört und sah tatsächlich, dass meine Lunge nach außen trat“, erinnert er sich. Schwerst verletzt stolperte er über die Wiese.
Eine fremde junge Frau legte ihm einen Druckverband an, ein Polizist hielt ihn wach. Mehrere Menschen aus der Gruppe setzten sich zur Wehr und drängten den Angreifer zurück. Laut Luise traf eine Bierflasche den Täter am Kopf, woraufhin er floh. „Der Islamist wurde mit einer Bierflasche zum Abmarsch gezwungen“, kommentiert sie zynisch.
Zwischen Leben und Tod
Luise schwebte bis in die frühen Morgenstunden in Lebensgefahr und wachte erst am Folgetag nach einer nächtlichen Notoperation auf. Sebastian überstand eine fünfeinhalbstündige Notoperation im Virchow-Klinikum – zwischenzeitlich war er klinisch tot. Wegen seiner massiven Verletzungen musste ein Teil seiner Lunge entfernt werden; die Narbe zieht sich fast über den gesamten Oberkörper.
Laut einer Spendenaktion auf GoFundMe liegt ein langer Weg der Rehabilitation vor ihm: Lungenfunktion und körperliche Belastbarkeit müssen wieder aufgebaut werden. Bis zum 24. August kamen 9.715 Euro von 316 Spendern zusammen, das Ziel liegt bei 25.000 Euro. Die staatlichen Hilfs- und Entschädigungsverfahren laufen, ihre Bearbeitung könne Jahre dauern.
„Ich dachte wirklich, ich werde da sterben. Das Blut floss aus mir raus, meine Lunge quoll hervor und ich bin dann da zusammengebrochen auf die Knie.“
Der Vorwurf der Ignoranz
Trotz weltweiter Berichterstattung fühlen sich die beiden Freunde nicht wahrgenommen – als „Opfer zweiter Klasse“. Bei der Gedenkveranstaltung des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner im Roten Rathaus sei vor allem die Amokfahrt gegen die queere Community im Mittelpunkt gestanden, während die Machetenattacke nahezu unerwähnt blieb.
Sebastian kritisiert, dass viele Redner den Vorfall nicht einmal als islamistischen Anschlag bezeichnet hätten. „Die Leute erklären mich teilweise für verrückt. Egal wo ich hingehe, muss ich aufs Neue erzählen, dass ich mit einer Machete im Tiergarten angefallen wurde“, sagt er. Manche wollten ihm den Angriff gar nicht glauben.
Offene Fragen zum Täter
Bis heute sind zentrale Fragen ungeklärt. Die Ermittler gehen davon aus, dass Abdul Ballout der mutmaßliche Haupttäter ist. Doch die Beschreibungen der Überlebenden weichen von den offiziellen Angaben ab: Während die Polizei nach einem etwa 1,90 bis 1,95 Meter großen Mann fahndete, schätzen die Verletzten den Angreifer auf etwa 1,83 Meter oder kleiner.
Luise ist sich sicher, dass der Machetenmann nicht Ballout gewesen sein kann – allerdings drehte sie sich bei der Attacke vom Angreifer weg und verlor kurz darauf das Bewusstsein. Sebastian geht dagegen davon aus, dass Ballout der Täter war: Das LKA habe ihm im Krankenhaus verschiedene Fotos gezeigt, und er habe auf einen Mann gezeigt. Bereits früh gab es Gerüchte über einen zweiten Täter, die Polizei verwarf diese These jedoch wieder.
Die Tatwaffe, die Machete, wurde trotz intensiver Suchaktionen im Tiergarten und in der Spree bis heute nicht gefunden. Auch das nährt bei den Opfern Zweifel, ob mit dem von der Polizei erschossenen Ballout wirklich der richtige Täter gefasst wurde.
Die Ereignisse im Überblick
- 25. Juli 2026Anschlag auf den CSD
Abdul Ballout rast in die CSD-Menge; Luise D. und Sebastian S. werden im Tiergarten mit einer Machete lebensgefährlich verletzt.
- 26. Juli 2026Täter erschossen, Notoperationen
Ballout wird in einer Gartenkolonie gestellt und erschossen. Luise wacht nach Notoperation auf; Sebastian übersteht eine 5,5-stündige Operation.
- 21. August 2026Opferbeauftragter meldet Akutphase abgeschlossen
Roland Weber erklärt, die meisten Verletzten hätten das Krankenhaus verlassen können, und berichtet von keinen Beschwerden.
- 24. August 2026Spendenaktion erreicht 9.715 Euro
316 Spender unterstützen Sebastian S.; das Spendenziel liegt bei 25.000 Euro.
- 26. August 2026Erstes Interview der Überlebenden
Luise D. und Sebastian S. sprechen öffentlich über den Angriff und ihre Kritik an Politik und Behörden.
Kritik an den Ermittlungsbehörden
Die beiden kritisieren auch den Umgang der Behörden mit ihnen nach der Tat. „Sie wollen immer nur Informationen von uns haben. Wir kriegen von denen gar keine Informationen“, sagt Luise. Als Grund habe die Polizei ermittlungstaktische Gründe genannt. Nächtliche Anrufe und Befragungen – teils noch auf der Intensivstation – hätten die traumatisierten Opfer belastet.
Ein Freund sei um 2.30 Uhr nachts telefonisch als Zeuge angerufen worden, auch Sebastian wurde nach eigenen Angaben mehrfach nachts befragt. Sebastian betont allerdings das grundsätzlich „empathische und höfliche“ Auftreten der Polizisten vor Ort.
Der Bundesopferbeauftragte Roland Weber hatte am 21. August erklärt, die Akutphase sei abgeschlossen und es seien bislang keine Beschwerden eingegangen – eine Darstellung, die in deutlichem Kontrast zur Kritik der beiden Opfer steht.
