Zuwanderungsangst treibt AfD-Wähler fast zehnmal stärker als Armut
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Soziologie

Zuwanderungsangst treibt AfD-Wähler fast zehnmal stärker als Armut

Eine neue Langzeitstudie widerlegt die These vom abgehängten Wähler: Nicht Armut, sondern Angst vor Zuwanderung treibt Menschen zur AfD – und das auch bei Gutverdienern. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt die AfD bei über 40 Prozent.

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Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September liegt die AfD in Umfragen bei über 40 Prozent. Eine neue Langzeitstudie zeigt: Der Zuspruch speist sich vor allem aus Angst vor Zuwanderung – nicht aus wirtschaftlicher Not.

Der Soziologe Martin Schröder von der Universität des Saarlandes hat für das Focus-Interview die Ergebnisse der Datenanalyse vorgestellt. Die im Fachjournal PLOS One veröffentlichte Studie wertet 110.194 Einzelbefragungen von 31.985 Menschen aus dem Sozio-oekonomischen Panel der Jahre 2014 bis 2024 aus.

Die Ablehnung von Zuwanderung erklärt die Wahl der AfD fast zehnmal stärker als ökonomische Not oder auch nur die Angst davor.
Martin Schröder, Professor für Soziologie an der Universität des Saarlandes

Die Sorge um Zuwanderung erklärt demnach rund 75 Prozent der statistisch erklärbaren Unterschiede bei der AfD-Sympathie; beim tatsächlichen Wahlverhalten sind es sogar etwa 90 Prozent. Auch Menschen mit hohem Einkommen und hoher Bildung unterstützen die AfD häufiger, wenn sie starke Sorgen bezüglich Migration äußern.

Was die Daten zeigen

Ökonomische Faktoren wie Einkommen, Bildungsniveau oder Zufriedenheit mit der eigenen finanziellen Lage spielen dagegen eine deutlich geringere Rolle. Modellrechnungen veranschaulichen den Unterschied: Ein fiktiver Modernisierungsverlierer – niedrigstes Einkommen, geringste Bildung, maximal wirtschaftlich unzufrieden, aber ohne Migrationssorgen – hat nur eine Wahrscheinlichkeit von 3,7 Prozent, die AfD zu unterstützen. Ein Modernisierungsgewinner mit gutem Einkommen, hoher Bildung und wirtschaftlicher Zufriedenheit, aber großer Sorge vor Migration kommt auf 8 Prozent.

Wahrscheinlichkeit der AfD-Unterstützung nach Profil

Modellrechnung auf Basis der PLOS-One-Studie

Quelle: PLOS One, 2026

Ökonomische Erklärungen greifen zu kurz

Schröder hatte bereits 2018 ähnliche Ergebnisse erzielt. In der neuen Analyse prüfte sein Team rund 270 Variablen auf weitere AfD-Motive; diese waren so gut wie nie ökonomischer Natur, sondern eher Aspekte wie Unzufriedenheit mit der Corona-Politik.

Dennoch hält sich in der Politik die These vom abgehängten Wähler hartnäckig. Viele Politiker glaubten, man müsse den Menschen nur die soziale Härte nehmen, dann wendeten sie sich von der AfD ab, sagte Schröder dem Focus. Diese Überlegung greife zu kurz.

Konsequenzen für den Wahlkampf

Für linke Parteien heißt das: Sie sollten die Moralvorstellungen konservativer Wähler ernst nehmen. Schröder verweist auf die Theorie der moralischen Grundlagen – Linke basierten auf Fürsorge und Fairness, Konservative zusätzlich auf Regeltreue, Autorität und Loyalität. „Ein Tankrabatt hilft nicht gegen das Gefühl mangelnden Respekts vor der eigenen Weltanschauung“, sagte er.

Auch die strengere Migrationspolitik der Union hält Schröder für wirkungslos. Für viele Menschen sei der Geist aus der Flasche; es gehe nicht um zusätzliche Einwanderung, sondern um Menschen aus anderen Kulturen, die bereits hier sind. Einzelfälle wie der islamistische Anschlag in Solingen 2024 überschatteten das Bild. Schon im August zeigte eine INSA-Umfrage, dass 71 Prozent der Deutschen eine Begrenzung der Migration wollen.

Trotzdem warnt Schröder vor pauschaler Verurteilung: „Ich würde nämlich davon ausgehen, dass nicht alle AfD-Wähler in der Tiefe ihres Herzens Nazis sind.“ Ob sich die AfD durch Regierungsverantwortung entzaubern lasse, wisse er nicht. Echte Lösungen für Probleme bei Unternehmen, Bahn, Gerichten und Integration sehe er bei der AfD nicht. Am 6. September entscheidet Sachsen-Anhalt.