Florian Schroeder wirft Ostdeutschen Diktatursehnsucht vor
Kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern attackiert Kabarettist Florian Schroeder Teile Ostdeutschlands. Seine Worte lösen heftige Reaktionen aus – zwischen Zustimmung und scharfer Kritik.
Der Kabarettist Florian Schroeder hat kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit einem Video für Empörung gesorgt. Darin attackiert er Teile Ostdeutschlands scharf – und wirft ihnen vor, sich nach einer Diktatur zu sehnen.
Schroeder, 46, stammt aus Lörrach in Baden-Württemberg. Den Anlass liefert der Wahlkampf: Ihm falle auf, dass Politiker die Menschen im Osten „loben, lieb haben und umarmen“ müssten. Das sei eine „widerliche Wessi-Herablassung“, mit der Schluss sein müsse. Stattdessen wolle er „ein paar Worte auf Augenhöhe“ an die „lieben Ossis“ richten.
Instagram · @schroeder_live
„Das Paradox ist, ihr werft dem Staat genau die Bevormundung vor, die ihr schon aus DDR-Zeiten kennt. Der Witz ist aber, ihr wollt genau diese Bevormundung. Ihr wollt gegängelt und getreten werden. Der Osten war schon immer das lebende Stockholm-Syndrom.“
Florian Schroeder, Kabarettist und Moderator
Vorwurf der Diktatursehnsucht
Kern des Vorwurfs ist ein von Schroeder beschriebener Widerspruch: Einerseits werfe man dem Staat genau die Bevormundung vor, die man aus der DDR kenne, andererseits verlange man eben diese. Der Staat solle alles vorschreiben, dürfe aber nicht bevormunden; er solle sagen, was zu denken sei, aber zugleich dürfe jeder alles sagen.
Auch beim öffentlichen Nahverkehr erkennt Schroeder die Doppelmoral: Der Staat solle den ÖPNV bis in den letzten Winkel schicken, doch wenn er das tue, empöre man sich über eine „Zwangsbebussung“. Diese Haltung nennt er das „lebende Stockholm-Syndrom“.
Die DDR dürfe man zwar als tolles Land bezeichnen, aber dann müsse man sich entscheiden. „Sozialnationalismus gibt’s von der AfD jedenfalls nicht. Dafür müsst ihr schon Sahra Wagenknecht wählen“, sagt er. Mit Blick auf die Landtagswahlen fordert er: „Ihr müsstet euch bitte einmal entscheiden, welche Diktatur ihr jetzt genau wollt.“
AfD, Putin und DDR als Reizthemen
Der AfD, die in Sachsen-Anhalt bei mehr als 40 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern bei 36 Prozent liegt, unterstellt Schroeder ein Programm für „Millionäre, Oligarchen und Unternehmer“. Im Osten profitierten nur „Günther Jauch und die zwei anderen Millionäre“, die Potsdam unter sich aufgeteilt hätten.
Auch Russlands Präsident Wladimir Putin bekommt sein Fett weg. Wer Putin beklatsche, solle sich ihm doch „bedingungslos an den Hals“ werfen – das wäre die richtige Wiedervereinigung, nämlich mit Russland. Wäre Putin 1989 Befehlshaber der sowjetischen Armee gewesen, stünden noch heute Hunderttausende russische Soldaten in Ostdeutschland, so Schroeder.
Mit dem Verweis auf fünf Kinder pro Frau in Sachsen-Anhalt nimmt er zudem die Familienpolitik von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ins Visier. Schroeder betont, er meine „nicht alle Menschen in Ostdeutschland“ – „Aber wer sich jetzt aufregt, der darf sich gemeint fühlen.“
Geteiltes Echo im Netz
Unter dem Video überwiegen zustimmende Kommentare, wie die Berliner Zeitung berichtet. Eine Nutzerin aus NRW schreibt: „Ich war zwei Wochen in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. So gute Straßen wünschen wir uns hier auch.“ Aus Sachsen kommt: „Du sprichst mir aus der Seele.“
Doch es gibt auch scharfen Widerspruch. Kritiker werfen Schroeder vor, als Medienprofi genau zu wissen, welche Wirkung seine „plakativen Worte“ entfalten. Ein Nutzer schreibt: „Bei mir bleibt zunehmend das Gefühl zurück, dass hier vor allem die eigene (westdeutsche) Blase bestätigt wird.“ Ein anderer, der sich als Wessi bezeichnet, kommentiert: „Ich schäme mich für solche Leute wie Sie; unterstes Regal.“
Umfrage
Lädt
Ein alter Konflikt neu entfacht
Der Streit um Schroeders Video reißt eine alte Wunde auf: 35 Jahre nach dem Mauerfall bleibt die Frage, was Ost und West trennt. Kurz vor den Wahlen verschärft sie den Ton. Bereits Ende August hatte eine Stern-Kolumne von Martin Debes mit dem Titel „Kein Westgeld für Jammerossis“ für Empörung gesorgt.
Schroeder selbst weist den Einwand zurück, er dürfe als Westdeutscher nicht über „Ossis“ reden. Wenn nur Opferlämmer andere Opferlämmer bestärken dürften, sei das „genau die bevormundende Woke-Attitüde“, die seine Kritiker sonst ablehnten.
Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Die AfD liegt in Umfragen vorn. Ob Schroeders Attacke ihre Anhänger bestärkt oder weitere Wähler verprellt, entscheidet sich an der Wahlurne.