Razzien bei zwei AfD-Kandidaten wegen verbotener Artgemeinschaft
Zehn Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt durchsucht die Polizei Wohnungen zweier AfD-Kandidaten. Der Verdacht: Fortführung der verbotenen „Artgemeinschaft“ bei einer Sonnenwendfeier.
Zehn Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die Polizei am frühen Donnerstagmorgen zwei AfD-Kandidaten ins Visier genommen. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Halle durchsuchten Ermittler Objekte von 15 Beschuldigten in fünf Bundesländern – der Vorwurf: Fortführung der 2023 verbotenen rechtsextremen Vereinigung „Artgemeinschaft“.
Betroffen sind Simon Lansmann (Listenplatz 19, Direktkandidat im Altmarkkreis Salzwedel) und Sebastian Koch (Listenplatz 8, AfD-Kreisvorsitzender Altmark-West). Beide treten am 6. September zur Wahl an; ein Anwalt bestätigte die Maßnahme gegenüber MDR und ZEIT. Kurz vor der Wahl melden Magdeburg und Halle bereits 87.500 Briefwahlanträge.
Schwerpunkt der Durchsuchungen war das Gehöft von Lansmann im Gardelegener Ortsteil Ipse. Dort hatte am Abend des 20. Juni eine private Sonnenwendfeier stattgefunden, die der Spiegel später offenlegte: Ein bekränzter Holzpfahl sei aufgestellt worden, Männer hätten mit Tierhörnern hantiert und ein Kampflied der Hitlerjugend gesungen.
Die Polizei kontrollierte bei der Feier die Zufahrt und sah Gäste, die der „Artgemeinschaft“ zugerechnet werden. Auch Koch soll bei der Feier zu Gast gewesen sein, wie der MDR berichtet.
Durchsuchungen in fünf Ländern
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden seit dem frühen Morgen Objekte in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen durchsucht. In Brandenburg betraf es Potsdam und Zossen, in Berlin Zehlendorf und Schöneberg, in Niedersachsen Jameln sowie in Nordrhein-Westfalen Lippstadt und zwei Orte im Kreis Lippe und im Kreis Höxter, wie ZEIT und n-tv melden.
Festnahmen gab es keine, auch keine Haftbefehle. Die Ermittler stellten zahlreiche Dokumente und elektronische Geräte sicher; die Auswertung dauert an, wie Correctiv berichtet.
„Die Berichterstattung ist bekannt, aber ich werde sie nicht kommentieren.“
Patrick Harr, AfD-Pressesprecher Sachsen-Anhalt
Der AfD-Landesverband schwieg zunächst zu den Vorwürfen. Verbindungen der beiden Kandidaten zur Artgemeinschaft seien dem Verband nicht bekannt, hieß es.
Die verbotene Artgemeinschaft
Die 1951 von Lehrer Wilhelm Kusserow gegründete „Artgemeinschaft“ galt laut Verfassungsschutz als größte neonazistische Vereinigung Deutschlands mit zuletzt rund 150 Mitgliedern. Bundesinnenministerin Nancy Faeser verbot sie im August 2023; sie nannte die Gruppe „sektenartig, zutiefst rassistisch und antisemitisch“, wie die ZEIT zitierte.
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte das Verbot im April 2026 als rechtmäßig. Die Richter sahen im Selbstverständnis der Gruppe zentrale Elemente der NS-Rassenlehre, wie der MDR berichtet.
Chronologie der Artgemeinschaft
1951
Gründung
Wilhelm Kusserow gründet die Artgemeinschaft.
August 2023
Verbot
Bundesinnenministerin Faeser verbietet die Vereinigung.
29. April 2026
Gericht bestätigt
Das Bundesverwaltungsgericht erklärt das Verbot für rechtmäßig.
20. Juni 2026
Sonnenwendfeier in Ipse
Auf Lansmanns Hof treffen sich Gäste aus dem Artgemeinschaft-Umfeld.
27. August 2026
Razzien
Polizei durchsucht 15 Beschuldigte in fünf Ländern.
Kandidaten bestreiten, AfD unter Druck
Über ihren Anwalt ließen Lansmann und Koch erklären, sie seien keine Mitglieder der Artgemeinschaft und distanzierten sich von deren Ideologie. Auf Lansmanns Hof habe lediglich eine private Sommersonnenwendfeier für geladene Gäste stattgefunden; eine Fortführung der verbotenen Vereinigung habe nicht stattgefunden, berichten SZ und MDR.
Recherchen von ZEIT und Correctiv zeigen jedoch, dass Koch bereits 2009 an einer Sonnenwendfeier der NPD teilgenommen und seit Jahren Sommerfeste als Vernetzungstreffen für die rechtsextreme Jugend organisiert haben soll. Der Verfassungsschutz führt ihn seit Jahren im Blick; in einem internen Gutachten von 2019 hieß es, er sei in neonazistischen Zusammenhängen in Erscheinung getreten.
Lansmanns Partnerin stand laut Spiegel früher auf einer Mitgliederliste der Artgemeinschaft. Lansmann wies dies zurück; von nationalsozialistischem Liedgut distanziere er sich, sagte er der taz.
Die AfD Sachsen-Anhalt gilt seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, der im Wahlkampf einen radikalen Staatsumbau fordert, ließ Anfragen unbeantwortet; in seinem Umfeld arbeiten Männer, die früher Funktionäre der 2009 verbotenen HDJ waren. Ob Anklage erhoben wird, hängt von der Auswertung der sichergestellten Beweise ab.