Hendrik Holt flieht bei Freigang aus Berliner JVA – Europäischer Haftbefehl
Ein wegen Millionenbetrugs Verurteilter entzieht sich dem Strafvollzug. Ein Schreiben kündigt die Flucht an, ein Instagram-Post deutet nach Moskau – die Behörden fahnden europaweit.
Ein wegen bandenmäßigen Betrugs zu fast neun Jahren Haft verurteilter Windkraft-Betrüger hat sich dem Strafvollzug entzogen. Hendrik Holt kehrte am Dienstag, dem 25. August 2026, von einem genehmigten Freigang nicht in die Justizvollzugsanstalt im offenen Vollzug in Berlin zurück. Seitdem fahndet die Staatsanwaltschaft Osnabrück nach ihm.
Am Donnerstag bestätigte die Anklagebehörde, dass Tatsachen vorliegen, aufgrund derer von einer Flucht auszugehen ist. Wie die Tagesschau berichtet, wurde ein Europäischer Haftbefehl erlassen. Zuerst hatte die Hannoversche Allgemeine Zeitung über die Flucht berichtet.
Laut Staatsanwaltschaft verließ Holt die JVA am Dienstag um 6.30 Uhr zu seinem genehmigten Ausgang. Nach Recherchen der Nordwest-Zeitung war es bereits sein 514. Freigang – 513 Mal zuvor war er zurückgekehrt.
Spuren nach Moskau
Am Mittwoch ging bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück ein Schreiben aus dem Umfeld Holts ein. Es soll die Ankündigung enthalten: Herr Holt hat das Bundesgebiet verlassen und wird nicht in die JVA des offenen Vollzugs in Berlin zurückkehren. Auch die JVA erhielt das Schreiben.
Auf einem Instagram-Account, hinter dem offenbar Holt steckt, tauchte ein Bild mit einer eindeutigen Botschaft auf.
„Liebesgrüße aus Moskau sehr schön hier der Kaviar ist fantastisch“
Hendrik Holt, verurteilter Windkraft-Betrüger
Bestätigen ließ sich ein Aufenthalt in Moskau bislang nicht. Die Staatsanwaltschaft erklärte, der Instagram-Post sei ihr bekannt; Bewertungen gebe man vor dem Hintergrund der andauernden Fahndung nicht ab, berichtet das Manager Magazin.
Der Windkraft-Schwindel
Holt wurde 2020 im Berliner Hotel Adlon festgenommen, nachdem eine Gemeindemitarbeiterin ihre gefälschte Unterschrift entdeckt und Anzeige erstattet hatte. 2022 verurteilte ihn das Landgericht Osnabrück in mehreren Verfahren zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fast neun Jahren – wegen bandenmäßigen Betrugs, Bestechung und Urkundenfälschung.
Gemeinsam mit Familienmitgliedern und seinem damaligen Finanzdirektor hatte Holt internationalen Energiekonzernen teils frei erfundene Windpark-Projekte angeboten. Drei Investoren überwiesen laut om-online rund 10 Millionen Euro für Windräder, die nur in seiner Gedankenwelt existierten.
Zudem bestach er ausländische Diplomaten, um sich mit einem Diplomatenpass gegen deutsche Strafverfolger immun zu machen. Der Fall wurde in der ARD-Doku Holt – Der Windkraft-Schwindler nacherzählt, in der Holt selbst zu Wort kam und unter anderem in einem Bentley gezeigt wurde.
Die Chronologie
2020
Festnahme im Hotel Adlon
Holt wird in Berlin festgenommen, nachdem eine Gemeindemitarbeiterin ihre gefälschte Unterschrift entdeckt.
2022
Urteil des Landgerichts Osnabrück
Gesamtfreiheitsstrafe von fast neun Jahren wegen bandenmäßigen Betrugs, Bestechung und Urkundenfälschung.
Ende Oktober 2024
Offener Vollzug
Holt wird laut Staatsanwaltschaft in den offenen Vollzug in Berlin verlegt.
2025
Flughafen-Deal Rostock-Laage
Crisp Partners übernimmt den zivilen Teil des Flughafens; Holt soll als Mittelsmann aufgetreten sein.
24. August 2026
Dementi bei der NWZ
Holt bestreitet eine Beteiligung am Flughafen-Deal; eine angekündigte eidesstattliche Versicherung bleibt aus.
25. August 2026
Flucht bei Freigang
Holt verlässt die JVA um 6.30 Uhr und kehrt abends nicht zurück.
27. August 2026
Fahndung bestätigt
Die Staatsanwaltschaft bestätigt die Flucht und erlässt einen Europäischen Haftbefehl.
Flughafen-Deal und offene Fragen
Kurz vor der Flucht war Holt in eine Affäre um den Flughafen Rostock-Laage verwickelt. Die Berliner Firma Crisp Partners hatte 2025 den zivilen Teil übernommen; Holt soll als Mittelsmann aufgetreten sein. Der Staatsanwaltschaft liegt eine Strafanzeige im Zusammenhang mit dem Verkauf vor, wie die Zeit berichtet.
Karsten Lauth, Projektleiter von Crisp Partners, bestritt eine Beteiligung Holts, bezeichnete ihn jedoch als Experten mit Netzwerk. Zugleich schloss Lauth aus, dass Holt über Rostock-Laage ausgereist ist: Jeder Flug, der von hier abgeht, muss den Behörden angemeldet werden.
Gegen Holt läuft ein Insolvenzverfahren; die Gläubigerforderungen beziffert sein Insolvenzverwalter Malte Köster zuletzt auf 40 Millionen Euro. Trotz Haft und Schulden inszenierte sich Holt im Internet weiter als wohlhabend, etwa mit dem angeblichen Netzwerk Holt Inner Circle.
Die Berliner Justizverwaltung verwies auf Datenschutz, erklärte aber allgemein, dass unternehmerische Tätigkeiten im Freigang nur unter strengen Auflagen erlaubt seien. Dass Holt überhaupt Freigang erhielt, hatte zuletzt Kritik an der deutschen Justiz ausgelöst – etwa in einer Kolumne von Jan Fleischhauer.
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Unklar bleibt, wie Holt – falls er tatsächlich ins Ausland gelangt ist – Deutschland verlassen hat und ob er sich wirklich in Russland aufhält. Ebenso offen ist, ob der Instagram-Account wirklich von ihm betrieben wird.