Mindestens 50 russische Soldatinnen sind seit Beginn der großangelegten Invasion in die Ukraine getötet worden – und der Kreml rekrutiert immer gezielter Frauen für Kampfeinsätze. Das geht aus einer Recherche des russischsprachigen Mediums Vot Tak hervor, das zum polnischen öffentlich-rechtlichen Sender TVP gehört.
Russland wirbt seit dem Frühjahr 2026 Frauen nicht mehr nur für medizinische oder logistische Aufgaben an, sondern ausdrücklich als Drohnenpilotinnen, Scharfschützinnen, Maschinengewehrschützinnen und für Sturmeinheiten. Das berichtet die Frankfurter Rundschau unter Berufung auf die Auswertung von Stellenanzeigen und Gesprächen mit Anwerbern.
Neue Einsatzfelder statt bloßer Unterstützung
Frauen arbeiteten in den russischen Streitkräften traditionell vor allem in zivilen und unterstützenden Funktionen. Anfang 2022 waren laut Vot Tak rund 310.000 Frauen beschäftigt, aber nur etwa 40.000 als Soldatinnen.
Der damalige Verteidigungsminister Sergej Schoigu bezifferte die Zahl der im Ukraine-Krieg eingesetzten Soldatinnen im März 2023 auf rund 1.100. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren Frauen weitgehend aus Kampffunktionen ausgeschlossen worden – eine Tradition, die Russland nun durch den Personalbedarf aufweicht, so die Denkfabrik CEPA.
Die Anzeigen richten sich meist an russische Staatsbürgerinnen zwischen 18 und 45 Jahren mit mittlerem Bildungsabschluss und ohne Vorstrafen; Schwangere und Mütter kleiner Kinder werden oft ausgeschlossen.
Verträge mit dem Verteidigungsministerium laufen wie bei Männern bis zum Kriegsende weiter. Rekrutierer versprechen dennoch teils, Frauen könnten nach einem Jahr ausscheiden und würden nicht an die Front geschickt – was dokumentierten Fronteinsätzen widerspricht.
Gezielte Anwerbung an Hochschulen und in Regionen
Seit Ende 2025 sprechen Rekrutierer Studentinnen gezielt an Hochschulen und Berufsschulen an – laut Vot Tak in mindestens fünf Städten sowie der Region Uljanowsk. In Krasnojarsk soll eine geschlossene Informationsveranstaltung ausschließlich für Frauen stattgefunden haben; auch lokale Behörden veröffentlichen Aufrufe.
Die Kampagnen sind oft kurzlebig: In der Region Tomsk dauerte eine Aktion nur zehn Tage. Ein Telegram-Kanal nahm die Frauensuche im März 2026 wieder auf und erweiterte sie im Juni auf Drohnen-, Kommunikations-, Logistik- und Versorgungsaufgaben. Nach einer Anfrage von Vot Tak hieß es, es würden keine Bewerbungen mehr angenommen – wegen eines „extrem großen Andrangs“.
Fall Jelisaweta Zybina: Vom Zögern zur Ernüchterung
Die 24-jährige Jelisaweta Zybina steuert unter dem Kampfnamen „Bajana“ Drohnen. Sie ging 2024 als Drohnenoperatorin an die Front und unterschrieb im Sommer 2026 bereits ihren vierten befristeten Vertrag mit einer Freiwilligeneinheit; derzeit ist sie in der Region Kursk stationiert.
Zunächst hatte ein Einberufungsamt Zybina abgewiesen, weil ihr die medizinische Ausbildung fehlte. Nachdem ihr Freund im August 2024 getötet worden war, ließ sie sich zur Drohnenpilotin ausbilden und schloss sich der Freiwilligen-Sturmbrigade Sankt Georg an – einer Einheit, die laut Vot Tak überwiegend aus früheren Wagner-Söldnern besteht.
„Uns wird das alles schön und patriotisch präsentiert. Aber wenn man dort ankommt, ist die Lage völlig anders.“
Ende 2024 wurde Zybina bei Soledar eingesetzt und koordinierte später per Drohne Artilleriebeschuss. Nach der Verlegung ihrer Einheit nach Tschassiw Jar warf sie nach eigenen Angaben Munition auf einen Unterstand ab. Im Mai 2025 kehrte sie mit leichter Verwundung und Gehirnerschütterung in ihre Heimatregion Krasnojarsk zurück.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich meinen ersten Vertrag überlebe“, sagte Zybina. Einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium vermied sie bewusst, weil solche Vereinbarungen während des Kriegs praktisch nicht beendet werden könnten.
„Wenn ich die Wahl hätte, würde ich diesen Weg nicht beginnen“, sagte Zybina laut The Moscow Times und ergänzte, die Enttäuschung über die russischen Streitkräfte sei die Sicht der meisten Soldaten. „Es zieht einen hinein. Leider komme ich da nicht mehr heraus.“
Steigende Todeszahlen und hoher militärischer Druck
Vot Tak hat nach eigenen Angaben mindestens 50 russische Soldatinnen namentlich identifiziert, die seit Februar 2022 getötet wurden. Die jährliche Zahl stieg von fünf im Jahr 2022 auf 15 im Jahr 2025; allein im ersten Halbjahr 2026 waren es bereits zwölf.
Die jüngste dokumentierte Tote war eine 23-jährige Freiwillige, die bei einem Drohnenangriff nahe Bachmut starb; die älteste war 57. Eine der ersten war die 27-jährige Walentina Galatowa, die im April 2022 in Mariupol durch Mörserfeuer fiel – offiziell als Sanitäterin geführt, nahm sie laut ihrer Mutter faktisch an Sturmangriffen teil.
Die verstärkte Frauensuche fällt in eine Phase anhaltend hoher Verluste. Die Portale Mediazona und der russische Dienst der BBC bestätigten bis August 2026 die Namen von mehr als 239.000 getöteten russischen Militärangehörigen. Der Russland-Experte Janis Kluge berechnet, dass Moskau täglich rund 1.000 neue Soldaten anwirbt, vor allem um ausgezehrte Einheiten aufzufüllen.
Wie jux.news berichtet, überleben neue russische Rekruten an der Front oft nur 20 bis 35 Minuten. Auch Frauen aus Gefängnissen wurden zeitweise rekrutiert – mehr als 80 verließen Ende 2024 sibirische Gefängnisse als Sanitäterinnen, eine Praxis, die inzwischen offenbar eingestellt wurde.
Chronologie der Frauenrekrutierung
Die Eskalation der Frauenrekrutierung lässt sich an mehreren Daten festmachen.
Chronologie der Frauenrekrutierung
- 24. Februar 2022Beginn der Invasion
Russland beginnt den großangelegten Angriff auf die Ukraine.
- 14. April 2022Erste dokumentierte tote Soldatin
Die 27-jährige Walentina Galatowa stirbt bei einem Kampfeinsatz in Mariupol.
- März 2023Letzte offizielle Zahl
Verteidigungsminister Schoigu beziffert die Zahl der eingesetzten Soldatinnen auf rund 1.100.
- August 2024Zybina wird Drohnenpilotin
Nach dem Tod ihres Freundes lässt sich Jelisaweta Zybina zur Drohnenpilotin ausbilden.
- Ende 2025Anwerbung an Hochschulen
Erste gezielte Aktionen an mindestens fünf Hochschulstandorten und in der Region Uljanowsk.
- Juni 2026Ausweitung der Suche
Die Rekrutierung wird auf Drohnen-, Kommunikations-, Logistik- und Versorgungsaufgaben ausgeweitet.
Kreml unter Druck: Warum Frauen jetzt rekrutiert werden
Seit der Teilmobilmachung im September 2022 setzt der Kreml primär auf gut bezahlte Verträge und hohe Antrittsprämien; eine weitere Masseneinberufung könnte innenpolitisch riskant für Präsident Wladimir Putin sein. Deshalb erhöht Moskau den Druck auf freiwillige Rekruten und erschließt neue Gruppen wie Frauen, Studenten und Strafgefangene.
Der Personalmangel verschärft sich zusätzlich durch die ukrainische Drohnenoffensive im Sommer 2026. Wie jux.news unter Berufung auf Militärexperte Markus Reisner berichtet, findet Russland selbst mit 300.000 weiteren Soldaten keine Lücke in der ukrainischen „Drohnenmauer“.
Die offizielle Zahl von 1.100 Soldatinnen aus dem März 2023 ist längst überholt – aktuelle Zahlen veröffentlicht Moskau nicht. Die dokumentierten Todesfälle deuten jedoch darauf hin, dass Frauen zunehmend in tödliche Kampfeinsätze geraten.
