Versagen der Gegner und Teflon-Siegmund bringen AfD auf 42 Prozent
Politologe Albrecht von Lucke erklärt im FOCUS-Interview, warum die AfD in Sachsen-Anhalt uneinholbar führt: Das Versagen der Gegner und Ulrich Siegmunds Teflon-Image. Die CDU steckt in einer doppelten Brandmauerfalle.
Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt laut der jüngsten ARD-Vorwahlumfrage mit 42 Prozent uneinholbar vorn. Die CDU stürzt auf 22 Prozent ab – ein historischer Tiefstand. Politologe Albrecht von Lucke erklärt im FOCUS-Interview, warum Spitzenkandidat Ulrich Siegmund so erfolgreich ist: Das Erfolgsrezept habe zwei Komponenten – „das fundamentale Versagen ihrer Gegner“ und Siegmund selbst als „Teflonpolitiker“.
Die anderen Parteien zerlegten sich im Wahlkampf förmlich selbst, sagt von Lucke. Sie ließen die hochproblematischen Themen der AfD liegen und spielten Siegmund damit in die Hände. Gleichzeitig ziehe der AfD-Kandidat als „fröhlicher Strahlemann“ durch das Land, an dem Kritik abperlt. Damit verkörpere er einen „rechtsradikalen Politiker neuen Typs“, ganz anders als die harte Linie eines Björn Höcke oder einer Alice Weidel.
Umfragewerte zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt
ARD/Infratest dimap, 26. August 2026
Quelle: Infratest dimap
Der „Teflonpolitiker“ und seine radikalen Unterstützer
Siegmunds zurückhaltende Kampagne verfange vor allem, weil die AfD noch nie regieren musste und so niemanden enttäuschen konnte, analysiert von Lucke. Die Partei sei reine Projektionsfläche und Verheißung. Hinter dem Spitzenkandidaten stünden aber deutlich radikalere Kräfte, etwa Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion und Mitgründer des aufgelösten „Flügels“.
Siegmund selbst inszeniert sich hochprofessionell: Eine eigene Filmcrew begleitet ihn, auf Instagram folgen ihm 583.000 Nutzer – gegenüber 11.500 bei CDU-Ministerpräsident Sven Schulze. In einer Woche absolvierte er 15 öffentliche Termine, Schulze kam auf neun geschlossene Veranstaltungen. Selbst das „Spiegel“-Cover, das ihn als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ zeigt, ließ sich Siegmund auf Veranstaltungen signieren.
„Ulrich Siegmund agiert als Teflonpolitiker, der jede Kritik am radikalen AfD-Regierungsprogramm an sich abperlen lässt und als fröhlicher Strahlemann durch das Land zieht. Damit verkörpert er einen rechtsradikalen Politiker neuen Typs.“
Albrecht von Lucke, Politologe und Publizist
Die Fehler der CDU und die „doppelte Brandmauerfalle“
Entscheidende Fehler verortet von Lucke im Bund: die „total missglückte Rochade von Friedrich Merz“. Kurz vor der Wahl sei mit Tino Sorge der einzige sachsen-anhaltische Vertreter in der Bundesregierung abgeräumt worden. Das stärke die AfD. Auch der CDU-Wahlkampf vor Ort sei inhaltsleer. Ministerpräsident Sven Schulze ziehe mit Dieter Hallervorden durchs Land, der den Kanzler als „Kriegstreiber“ bezeichne – genau die Attacke der AfD.
Schulze selbst sei „leider ein Mann ohne große Ausstrahlung“ und stecke in einer doppelten Brandmauerfalle: Eine Zusammenarbeit mit der AfD hat die Union ausgeschlossen, aber auch der Weg zur Linken sei Munition für die AfD, weil viele konservative Wähler die Linke nicht akzeptierten. Von Lucke rät der CDU, auf Wirtschaft und Weltoffenheit zu setzen. Das überalterte Land sei auf hoch qualifizierte Migranten angewiesen. Siegmunds Ankündigung, migrantische Ärzte und Pflegekräfte könnten ruhig wegziehen, seien völlig unbelegte Behauptungen.
Die Wahl wertet von Lucke „zweifellos“ als Quittung für Friedrich Merz. Sachsen-Anhalt sei kein Land, in dem die Union besonders schlecht regiert habe. Es handele sich um einen Enttäuschungs- und Verdrusswahlkampf gegen die Union insgesamt. Noch vor wenigen Jahren habe Merz als Verheißung eines Rechtsrucks gegolten, heute werde er von manchen Konservativen als Inbegriff eines Linksrucks wahrgenommen.
Was eine AfD-Regierung bedeuten würde
Von Lucke ist „nicht der Meinung, dass mit einer AfD-Regierung das Ende der deutschen Demokratie gekommen wäre“. Wegen der Schwächen ihres Personals und der schwierigen Haushaltslage könne die AfD schnell auf Grund laufen – das sei wohl auch die größte Angst der Bundes-AfD vor einem Sieg. Eine absolute Mehrheit wäre für sie „ironischerweise besonders problematisch“, weil sie dann niemanden für ihr Scheitern verantwortlich machen könnte.
Gefährlich wäre eine AfD-Regierung vor allem auf kultureller Ebene: Sie würde der rechten Stimmung in Sachsen-Anhalt massiv Vorschub leisten, „zum Nachteil aller Andersdenkenden und Andersaussehenden“. Die AfD kombiniere die Rolle einer reaktionär-völkischen Partei mit der einer auf Spaltung setzenden ostdeutschen Identitätspartei – „genau das macht sie so gefährlich und in Sachsen-Anhalt am 6. September wohl unschlagbar“.
Der Weg bis zur Wahl
26. August 2026
ARD-Vorwahlumfrage
Die AfD kommt auf 42 Prozent, die CDU fällt auf 22 Prozent – ein historischer Tiefstand.
28. August 2026
FOCUS-Interview
Albrecht von Lucke analysiert Siegmunds Erfolgsrezept im Gespräch mit Lukas Koperek.
6. September 2026
Landtagswahl
Die AfD gilt laut von Lucke als „wohl unschlagbar“.