Kiew fehlen 23 Milliarden Euro – Brüssel bleibt bei bisherigem Kreditplan
Der ukrainischen Regierung fehlen nach eigenen Angaben rund 23 Milliarden Euro für den laufenden Verteidigungshaushalt. Präsident Selenskyj fordert von der EU ein Vorziehen der für 2027 geplanten Kredittranche – doch Brüssel hält den 90-Milliarden-Euro-Plan vorerst für ausreichend.
Der Ukraine fehlen nach eigenen Angaben rund 23 Milliarden Euro, um den Verteidigungshaushalt des laufenden Jahres zu finanzieren. Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert deshalb von der Europäischen Union, einen Teil des bereits zugesagten 90-Milliarden-Euro-Kredits vorzeitig auszuzahlen – konkret aus der für 2027 vorgesehenen 45-Milliarden-Euro-Tranche.
Die EU-Kommission reagierte am 1. September 2026 zurückhaltend. Der Kredit sei bereits ein sehr ambitionierter Auszahlungsplan, sagte Sprecherin Paula Pinho; ein formeller Antrag Kiews liege aber noch nicht vor.
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Die Lücke im Verteidigungsetat
Beim Treffen der „Koalition der Willigen“ am 24. August in Kiew bezifferte Selenskyj das Loch auf 27 Milliarden Dollar, umgerechnet 23,1 Milliarden Euro. Es sei hausgemacht: Das Verteidigungsministerium habe für Drohnen und andere Anschaffungen bereits Mittel der zweiten Jahreshälfte ausgegeben.
Rund 20 Milliarden Dollar entfallen auf Soldzahlungen, Zahlungen an Hinterbliebene und laufende Kosten. Weitere 8 bis 10 Milliarden Dollar werden für Waffen und Material benötigt, die im Januar 2027 fällig werden.
Chronologie des EU-Kredits
18. Dezember 2025
EU-Gipfel beschließt 90-Milliarden-Euro-Kredit
Die Mitgliedstaaten einigen sich auf ein Darlehen für 2026 und 2027, aufgeteilt in zwei Tranchen zu je 45 Milliarden Euro.
27. Mai 2026
Kreditabkommen unterzeichnet und ratifiziert
Die Ukraine nimmt das Abkommen an; erste Auszahlungen erfolgen im Juni.
24. August 2026
Selenskyj beziffert Finanzierungslücke
Beim Treffen der „Koalition der Willigen“ nennt er 27 Milliarden Dollar.
1. September 2026
EU-Kommission bleibt bei bisherigem Plan
Sprecherin Pinho hält den Auszahlungsplan für ambitioniert genug.
Kiews Forderung an Brüssel
Der neue Verteidigungsminister Jewhenij Chmara konkretisierte den Vorstoß Ende August. „Es gibt eine Finanzierungslücke von 27 Milliarden Dollar, und das Ministerium hat bereits Optionen, sie zu schließen“, sagte er. Die erste Möglichkeit sei, einen Teil des für nächstes Jahr geplanten EU-Kredits vorzuziehen.
Zugleich kündigte Chmara an, den Partnern „eine klare Vision und einen klaren Plan“ vorzulegen: welche Aufgaben die Streitkräfte haben, welche Projekte nötig sind und in welchem Zeitrahmen. Schon im Juni hatte Estland gefordert, die Auszahlung des Kredits an lückenlose Rechenschaft zu knüpfen.
Brüssel und die Mitgliedstaaten
Die EU-Kommission hält am bisherigen Auszahlungsplan fest. „Wir konzentrieren uns jetzt auf einen bereits sehr ambitionierten Auszahlungsplan, und darauf liegt im Moment unser Fokus“, sagte Sprecherin Paula Pinho am Dienstag. Die Zahlungen seien an Reformen in der Ukraine gekoppelt.
Beim informellen Ministertreffen in Irland sprach die irische Außenministerin Helen McEntee von einem Konsens, Mittel des laufenden Kredits vorzuziehen. Schweden, die Niederlande, Spanien und Polen warnten zugleich, der 90-Milliarden-Euro-Kredit werde nicht ausreichen – und brachten erneut den Zugriff auf eingefrorene russische Vermögenswerte ins Spiel.
Die EU hält 210 Milliarden Euro dieser sanktionierten russischen Zentralbankgelder. Schwedens Außenministerin Maria Malmer Stenergard sagte: „Was wir sehen, ist, dass die Ukraine mehr Unterstützung braucht, und ehrlich gesagt leisten wir bilateral und über die EU nicht genug. Was bleibt, sind die eingefrorenen Vermögen.“ Kurz zuvor hatte die EU 6,1 Milliarden Euro Rüstungshilfe genehmigt.
Wie es weitergeht
Ein formeller Antrag der Ukraine auf ein Vorziehen der Tranche fehlt noch. Brüssel will zunächst prüfen, ob sich die Mitgliedstaaten auf eine Umschichtung verständigen können. Die Debatte über eingefrorene russische Gelder bleibt offen – auch weil Belgien als Hauptverwahrer der 210 Milliarden Euro Widerstand leistet.
Für Kiew drängt die Zeit: Die Finanzierungslücke muss geschlossen werden, damit das Land bei den geplanten „tiefen Schlägen“ gegen Russland wettbewerbsfähig bleibt. Eine Entscheidung der EU-Staaten steht noch aus.