Bischöfe riskieren offen Verlust von AfD-Wählern – auch Kirchensteuer
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Politik und Religion

Bischöfe riskieren offen Verlust von AfD-Wählern – auch Kirchensteuer

Zwei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bejaht Berlins Erzbischof Heiner Koch offen den Verlust von AfD-Wählern – und damit von Kirchensteuerzahlern. DBK-Chef Wilmer ruft die Wähler auf, ihr Gewissen zu schärfen; die AfD liegt laut Umfragen bei 42 Prozent.

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Zwei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt riskiert die katholische Kirche offen den Bruch mit AfD-Wählern – und damit auch deren Kirchensteuer. Berlins Erzbischof Heiner Koch bejahte im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur ausdrücklich, dass die Kirche dieses Risiko eingehen müsse, wie EWTN über das Interview mit Koch berichtet.

Parallel rief der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, die Wählerinnen und Wähler Sachsen-Anhalts in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ auf, ihr Gewissen zu schärfen. Die Warnungen fallen in einen Wahlkampf, in dem die AfD laut Umfragen mit rund 40 bis 42 Prozent klar stärkste Kraft werden dürfte – vor der CDU mit 22 Prozent und der Linken mit 13 Prozent. Auch evangelische Geistliche warnten bereits vor einer AfD-Regierung, wie ihre Befürchtungen zu Frauen und Übergriffen zeigen.

Koch begründet die harte Linie mit dem christlichen Menschenbild. Es gehe um die unveräußerliche Menschenwürde jedes Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Auf die Frage, ob die Kirche AfD-Wähler verlieren müsse, antwortete er:

Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich!
Heiner Koch, Erzbischof von Berlin

Mit dieser Aussage nimmt Koch auch Kirchenaustritte in Kauf. Die Schlagzeile der „Jungen Freiheit“, der Erzbischof wolle auf Kirchensteuern von AfD-Wählern verzichten, interpretiert genau das: Wer austritt, zahlt keine Kirchensteuer mehr. Der katholische Journalist Alexander Kissler kommentierte ironisch, Koch rufe AfD-Wähler auf, sich ihre Kirchensteuer zu sparen. Die AfD wiederum fordert im Wahlkampf bereits, Staatsleistungen an die Kirchen zu streichen.

Wilmer: AfD attackiert Grundwerte

Auch der DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer, seit Ende Juni Bischof von Münster, wird in der FAZ deutlich. Die AfD attackiere Grundwerte und hintergehe die demokratische Staatsform, sagte er. AfD-Politikern, die ihr Christsein betonen, hält Koch entgegen: Wer Menschen bevorzugt und für andere die Nächstenliebe einschränke, könne sich nicht mehr auf die christliche Botschaft berufen.

Ich appelliere an die Mündigkeit der Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt, ihr Gewissen zu schärfen. Migranten stören nicht.
Heiner Wilmer, Bischof von Münster, DBK-Vorsitzender

Zur kirchlichen Position bei der Leihmutterschaft ergänzte Wilmer: „Unsere Position ist sonnenklar. Wir lehnen die Leihmutterschaft ab.“ Die Bischöfe treffen damit eine doppelte Abgrenzung – gegen die AfD und gegen liberale Gesellschaftsentwürfe.

ZdK fordert Ausschluss der AfD von Regierung

Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, geht noch weiter. Eine gesichert rechtsextreme Partei dürfe auf keinen Fall die Landesregierung bilden oder Teil davon sein. Der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz warnt hingegen vor pauschalem Wähler-Bashing – das geheime Wahlrecht sei einer der höchsten Werte in der Demokratie.

Eine gesichert rechtsextreme Partei darf auf keinen Fall die Landesregierung bilden oder Teil davon sein. Alle demokratischen Kräfte müssen das ihre tun, um einen solch radikalen politischen Umbruch in Deutschland zu verhindern.
Irme Stetter-Karp, ZdK-Präsidentin

Warum die AfD im Osten erstarkt

Koch nennt zwei strukturelle Gründe für den Aufstieg der AfD. Im Osten hätten viele Menschen geglaubt, Demokratie bringe automatisch und permanent größeres Wachstum und Wohlstand. Demokratie heiße aber, sich einzubringen und zu beteiligen. Zudem engagierten sich immer weniger Menschen in Parteien und Vereinen – die oft schwachen Mitgliederzahlen erschreckten ihn.

Die Umfragen geben der AfD Rückenwind: Laut Insa für „Bild“ liegt die Partei bei 42 Prozent, die CDU bei 22 Prozent, die Linke bei rund 13 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern erreicht die AfD laut Umfragen rund 37 Prozent, in Berlin rund 18 Prozent.

Umfrage vor der Landtagswahl Sachsen-Anhalt (Insa/Bild)

Quelle: Insa für Bild

Vorgeschichte: Von der Unvereinbarkeitserklärung bis zur Wahl

Die Warnungen stehen in einer längeren Reihe kirchlicher Positionierungen. Bereits im Februar 2024 erklärte die Deutsche Bischofskonferenz die Unvereinbarkeit von Christentum und völkischem Nationalismus – für viele ein faktisches AfD-Wahlverbot für Katholiken. Wilmer wurde im Februar 2026 DBK-Vorsitzender; Ende Juni 2026 übernahm er das Bischofsamt in Münster.

Kirche und AfD: Die Vorgeschichte

  1. Februar 2024
    Unvereinbarkeitserklärung

    Die Deutsche Bischofskonferenz erklärt völkischen Nationalismus für mit dem Christentum unvereinbar.

  2. Februar 2026
    Wilmer wird DBK-Vorsitzender

    Bischof Heiner Wilmer übernimmt den Vorsitz der Bischofskonferenz.

  3. Ende Juni 2026
    Wilmer wird Bischof von Münster

    Der bisherige Hildesheimer Bischof tritt die Nachfolge in Münster an.

  4. 3. September 2026
    Interviews erscheinen

    KNA-Interview mit Koch und FAZ-Interview mit Wilmer werden veröffentlicht.

  5. 6. September 2026
    Landtagswahl Sachsen-Anhalt

    Die AfD gilt als klare Favoritin, die Kirche warnt vor einer Regierungsbeteiligung.

Was am Wahltag passieren kann

Am 6. September entscheidet sich, ob die kirchlichen Warnungen Wirkung zeigen. Sollte die AfD erstmals eine Landesregierung anführen oder Teil davon werden, dürfte der Konflikt mit der Kirche eskalieren: Die AfD fordert bereits, 43 Millionen Euro Staatsleistungen an die Kirchen zu streichen und den Kircheneinzug abzuschaffen.

Die Bischöfe setzen darauf, dass zumindest gläubige Wähler die AfD meiden. Koch räumt jedoch ein, dass in vielen Pfarreien Zurückhaltung herrscht – aus Angst vor Polarisierung. Man sage ihm: „Wenn wir die kirchliche Position zu massiv nach außen tragen, spalten wir die ohnehin kleine Gemeinde.“