Gut fünf Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt schlagen führende evangelische Geistliche Alarm: In Regionen, in denen die AfD bereits dominiert, berichten Frauen von einer „zunehmenden Verrohung der Sprache und des Verhaltens“ und sogar von „tatsächlicher Angst vor körperlichen Übergriffen“. Das geht aus einem Interview von Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer mit der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ sowie einer Pressemitteilung von Landesbischof Friedrich Kramer hervor.
Wolkenhauer: „Pöbeln gegen Frauen“ und Angst vor Übergriffen
Karsten Wolkenhauer, Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, beobachtet vor der Wahl eine wachsende Ablehnung der AfD in Teilen der Bevölkerung. Gegenüber „Christ in der Gegenwart“ sagte er, es gebe einen Teil der Bevölkerung, „der eine steigende Angst vor einer Regierungsübernahme durch die AfD hat“ (Quelle). Betroffen seien vor allem Frauen im ländlichen Raum. „Sie nehmen eine zunehmende Verrohung der Sprache und des Verhaltens wahr in Regionen, in denen die AfD bereits dominiert“, so Wolkenhauer. Die Grenze des im Alltag Sagbaren habe sich in den vergangenen drei Jahren bereits verschoben.
„Das Pöbeln gegen Frauen, eine Zotenhaftigkeit und eine tatsächliche Angst auch vor körperlichen Übergriffen sind angestiegen.“
Der Theologe warnte davor, dass dies für Respekt und die Gemeinschaft vor Ort „eine immense Bedrohung“ sei. Zugleich kritisierte er die AfD als „dezidiert kirchenfeindliche Partei“. In ihrem Wahlprogramm stelle sie Kirchensteuern und Staatsleistungen an die Kirchen infrage und wolle die Förderung der Evangelischen Akademie im Land einstellen. Wolkenhauer erkennt dabei eine widersprüchliche Haltung: Einerseits lehne die AfD Institutionen ab, andererseits beanspruche sie, „allein zu wissen und für alle zu entscheiden, was richtiger Glaube, richtige Kultur, richtige Kirche, richtige Institutionen und richtige Bildung sind“.
Kramer: „Strukturen brechen zusammen“
Parallel dazu warnte der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer nach einer dreitägigen Sommertour unter dem Motto „Starke Stimmen – Frauen in Sachsen-Anhalt“ vor dem Wegfall von Unterstützungs- und Hilfsangeboten für Frauen im Falle einer AfD-Regierung. Kramer hatte vom 27. bis 29. Juli zwölf Gruppen und Einrichtungen besucht, darunter den Landesfrauenrat, Gleichstellungsbeauftragte, ein Familienzentrum und die „Omas gegen Rechts“ in Halle.
„Wenn beispielsweise die Stellen für Gleichstellungsbeauftragte wegfallen, brechen Strukturen zusammen, mit heftigen Auswirkungen auf Frauen-Netzwerke und Hilfsangebote. Die Folge davon wäre, dass beispielsweise Gewalt gegen Frauen deutlich weniger öffentlich wahrgenommen werden kann.“
„Die Folge davon wäre, dass beispielsweise Gewalt gegen Frauen deutlich weniger öffentlich wahrgenommen werden kann“, erklärte Kramer. Viele der schon heute oft unzureichenden Interventionsangebote für Frauen mit Gewalterfahrung, insbesondere im ländlichen Raum, würden verschwinden, sollte die AfD ihr Wahlprogramm umsetzen. Bei seinen Besuchen habe er vielerorts eine große Unsicherheit wahrgenommen, wie es nach der Landtagswahl mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten weitergehe.
Zuversicht und Hoffnung trotz drohender Einschnitte
Trotz der alarmierenden Befunde zeigte sich Kramer auch hoffnungsvoll: „Angst und Sorge waren nicht die bestimmenden Gefühle, es waren auch Zuversicht und Hoffnung zu spüren. Wenn wir eine menschenfreundliche Gesellschaft wollen, müssen wir Gesicht zeigen. Die Frauen in den Einrichtungen und Initiativen, die ich besucht habe, machen genau das.“ (Quelle) Begleitet wurde Kramer auf seiner Tour von Pfarrerin Eva Lange von den Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland (EFiM).
„Wenn wir eine menschenfreundliche Gesellschaft wollen, müssen wir Gesicht zeigen. Die Frauen in den Einrichtungen und Initiativen, die ich besucht habe, machen genau das.“
Die Warnungen der Kirchen fallen in eine aufgeheizte Wahlkampfphase. Die AfD liegt in Umfragen bei 40 bis 41 Prozent. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat kürzlich ein Sofortprogramm für die ersten 100 Tage einer AfD-Regierung vorgelegt, das unter anderem Kinder von Geflüchteten in Sonderklassen, die Kündigung von Rundfunkstaatsverträgen und die Kürzung von Geldern für demokratiefördernde Stiftungen vorsieht. Längerfristig plant die AfD, sämtliche staatlichen Zahlungen an die Kirchen einzustellen. Bereits der Schauspieler Dieter Hallervorden hatte vor einer AfD-Sieg gewarnt, der die Kultur zensieren würde.
Drohender Schaden für die Zivilgesellschaft
Kirchenpräsident Wolkenhauer betonte, die AfD sei eine Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Landtagswahl am 6. September 2026 könnte die politische Landschaft grundlegend verändern. Bei einem Wahlsieg der AfD würden nicht nur kirchliche Finanzierung, sondern auch zahlreiche soziale Projekte auf dem Spiel stehen. Die katholische Kirche hat sich bisher nicht in gleicher Deutlichkeit geäußert.
Chronologie der Warnungen
- 18. Juli 2026AfD-Wahlkampfauftakt
Spitzenkandidat Ulrich Siegmund startet den Wahlkampf; Hunderte demonstrieren dagegen.
- 27.–29. Juli 2026Sommertour von Landesbischof Kramer
Friedrich Kramer besucht zwölf Fraueneinrichtungen und Initiativen in Sachsen-Anhalt.
- 30. Juli 2026Interviews und Pressemitteilung
Wolkenhauers Interview erscheint; Kramers Warnung wird veröffentlicht.
- 31. Juli 2026Medienecho
FR und WELT berichten über die kirchlichen Warnungen.
- 6. September 2026Landtagswahl
Die Wähler entscheiden über eine mögliche AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt.





