Am 29. Juni 2026 erschoss ein 45-jähriger türkischer Staatsangehöriger in der Mutter-Kind-Einrichtung „Stethu Mutter und Kind“ in Stade sechs Menschen. Unter den Toten sind drei Mitarbeiter des Jugendamts der Region Hannover und drei Beschäftigte der Einrichtung. Die Tat gilt als eine der schwersten Gewalttaten der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Dem Blutbad war ein monatelanger Sorgerechtsstreit um die wenige Monate alte Tochter des Täters vorausgegangen. Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover hatten bei dem Säugling ein lebensgefährliches Schütteltrauma diagnostiziert und das Jugendamt alarmiert. Sie zeigten den Vater zudem wegen bedrohlicher Äußerungen an. Im April 2026 entzog das Jugendamt den Eltern das Sorgerecht und brachte Mutter und Kind in der Einrichtung in Stade unter.
Bereits im Vorfeld drohte Fatih Khan Gazioglu massiv. In einer Sprachnachricht vom 11. Mai 2026 kündigte er an, alle zu treffen, „die hiermit zu tun haben“. Gegenüber der späteren Fluchtfahrerin Sylvia S. sagte er wörtlich:
„Wenn Ihr bereit seid zu töten, dann bin ich bereit zu töten und getötet zu werden.“
Schon am 5. Mai 2026 hatte Sylvia S., die Schwiegermutter von Deniz Kurku, in einem Chat vorgeschlagen, einen „Dennis“ oder „Deniz“ aus Hannover zu Enise Ö. ins Krankenhaus zu schicken und dort eine Visitenkarte zu hinterlegen. Nach Ermittlungsvermerken dürfte es sich dabei um ihren Schwiegersohn Deniz Kurku, den niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, gehandelt haben. Ob Kurku tatsächlich kontaktiert wurde, ist ungeklärt.
Die Eskalation im Hilfeplangespräch
Am Tattag begann gegen 11 Uhr in der Einrichtung ein sogenanntes Hilfeplangespräch. Anwesend waren die Leitung und Mitarbeiter der Einrichtung, drei Beschäftigte des Jugendamts – darunter die Vormundin des Kindes, Jennifer J. – sowie die Eltern. Sylvia S., die als Patentante des Babys geführt wurde, durfte nicht teilnehmen und wartete vor dem Haus. Sie war am Morgen mit Gazioglu in einem 400 PS starken Mercedes-AMG aus Garbsen angereist.
Gegen 12:09 Uhr fielen aus dem Obergeschoss Schüsse. Gazioglu hatte eine halbautomatische Pistole vom Typ Beretta 70 aus einer mitgebrachten Tasche gezogen und schoss auf die Anwesenden. Die Vormundin Jennifer J. stürzte aus einem Fenster auf den Rasen. Vier Menschen starben noch am Tatort, eine Person wurde zunächst reanimiert und starb wenig später, ein schwer verletzter Mann erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.
Enise Ö. soll sich zum Zeitpunkt der Schüsse eigenen Angaben zufolge nicht im selben Raum befunden haben. Eine Bewohnerin gab jedoch an, Ö. sei erst nach dem ersten Schuss aus dem Büro gekommen. Nach der Rekonstruktion der Ermittler verließ Ö. gegen 12:10 Uhr das Gebäude, stieß die fliehende Vormundin zu Boden und schlug auf sie ein. Dabei soll sie gerufen haben: „Ihr habt mir das Kind genommen!“ Die 34-Jährige bestritt die Attacke bei einer späteren Vernehmung nicht.
Flucht, Festnahme und Suizid
Nach der Tat flüchtete Gazioglu mit Sylvia S. als Fahrerin. Auf einem Video ist zu sehen, wie Gazioglu mit der Waffe in der Hand und einer Zigarette im Mund aus dem Haus kommt, Sylvia S. zum Wagen schiebt und nur „Mach auf“ sagt. Sie entriegelte, setzte sich ans Steuer, er auf den Beifahrersitz. Eine Geiselnahme ist auf dem Video nicht zu erkennen.
Das Fahrzeug wurde auf der B73 am Stadtrand von Stade gestoppt, nachdem die Polizei einen Reifen zerschossen hatte. Beide wurden festgenommen. Gegen Gazioglu wurde Haftbefehl erlassen. In der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 2026 nahm er sich in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde das Leben. Die Staatsanwaltschaft Stade stellte das Verfahren gegen ihn ein.
Die Chronologie der Eskalation
- April 2026Jugendamt entzieht das Sorgerecht
Mutter und Kind werden in der Stader Einrichtung untergebracht.
- 5. Mai 2026Chat zwischen Sylvia S. und Gazioglu
Sylvia S. schlägt vor, einen „Dennis“ oder „Deniz“ ins Krankenhaus zu schicken.
- 11. Mai 2026Droh-Sprachnachricht
Gazioglu kündigt Vergeltung an: „Leben gegen mehrere Leben.“
- 29. Juni 2026Sechs Morde im Hilfeplangespräch
Gazioglu schießt um 12:09 Uhr auf Anwesende.
- 20./21. Juli 2026Suizid in Untersuchungshaft
Gazioglu nimmt sich in der JVA Bremervörde das Leben.
- 4. September 2026Rücktritt von Deniz Kurku
Der Landesbeauftragte tritt nach Enthüllungen und Drohungen zurück.
Die Rolle von Sylvia S. und Deniz Kurku
Sylvia S. ist die Schwiegermutter des SPD-Politikers Deniz Kurku, der das Ehrenamt des Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe seit 2022 ausübte. Drei Tage nach der Tat ließ er über seinen Anwalt erklären, er kenne weder den Tatverdächtigen noch Enise Ö., habe keinen Kontakt zu ihnen gehabt und sei in den Sorgerechtsstreit nicht involviert gewesen.
Die Recherchen von NIUS legten jedoch nahe, dass sein Name bereits sieben Wochen vor der Tat in einem Chat zwischen Gazioglu und Sylvia S. gefallen war. Nach den Enthüllungen und massiven Anfeindungen trat Deniz Kurku nach Morddrohungen zurück. In seiner Erklärung hieß es, er wolle das Amt schützen, das er nicht mehr im erforderlichen Maße ausüben könne.
Ermittlungen und offene Fragen
Gegen Enise Ö. und Sylvia S. wird weiterhin wegen Mordes ermittelt. Haftbefehle wurden bislang nicht beantragt. Die Staatsanwaltschaft Stade erklärte wörtlich: „Haftbefehlsanträge sind von hier aus mangels dringenden Tatverdachts derzeit nicht gestellt worden.“ Die Ermittlungen der Mordkommission „Dankers“ dauern an. Ausgewertet wurden unter anderem der vorläufige Abschlussbericht der Polizei, Bewegungsanalysen der beiden Frauen sowie die Handyauswertung von Fatih Gazioglu.
Zum Tatzeitpunkt war Gazioglu ausreisepflichtig und besaß keinen gültigen Aufenthaltstitel. 2017 war bei der Polizeiinspektion Goslar der Hinweis eingegangen, er sei aus einem türkischen Gefängnis geflüchtet. Eine Nachfrage bei den türkischen Behörden lief ins Leere; die Türkei meldete, die Person sei nicht bekannt. Die deutschen Behörden hatten, wie der NDR-Bericht über die Flucht aus türkischer Haft zeigt, keinerlei Erkenntnisse zu möglichen Vorstrafen.
Die Frage, ob Deniz Kurku tatsächlich in die Vorgänge eingeweiht war oder kontaktiert wurde, bleibt offen. Auch die genauen Tatbeiträge von Enise Ö. und Sylvia S. sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
